STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

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WILDWALLS

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WILDWALLS

"Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis" steht in großen Lettern am Eingang zum Natur-Park Südgelände in Berlin. Der Satz stammt von Karl Ganser, einem Geologen und Stadtplaner. Klingt erst mal gut: Kunst und Wildnis direkt nebeneinander, kommt selten vor, interessant!

Mir ist allerdings nicht ganz klar, wer den Park zuerst unter Beschlag genommen hat. Die Kunst oder die Wildnis? Die Wildnis, falls es sie noch gibt, wird schon von vielen Nachbarn umzingelt: Menschen, Tiere, Götter, sie alle flanieren an den unsichtbaren Zäunen der Wildnis entlang. Und nun also auch die Kunst.

Spätestens im dritten Jahrtausend ihrer neuen Nachbarschaft wird die Kunst die Wildnis zum Barbecue einladen. Mit einem Bier in der Hand wird sie in ihrer wichtigtuerischen Art den hundertzweiundzwanzigfältigen Wohnzimmervorhang zur Seite ziehen und der Wildnis einen freimütigen Blick in die Tiefe ihres riesigen Gartens gewähren.

"Siehe, ich bin schon viel länger da als du!", wird die Kunst behaupten und hinzufügen: "Ohne mich gäbe es dich gar nicht!"

"Pah!", wird die Wildnis erwidern. "Ohne mich hättest du gar nicht hierher gefunden, du wärst in den Schluchten der Zivilisation versauert oder vergammelt. Was verstehst du schon von den Gesetzen der Freiheit?"

"Hört, hört!" wird die Kunst ausrufen. "Ohne mich hättest du dich niemals selbst erkannt, du wärst bis zum Sankt Nimmerleinstag ins Kraut geschossen. Was verstehst du schon von den Möglichkeiten ästhetischer Anverwandlung?"

"Die brauche ich gar nicht", wird die Wildnis spotten. "Ich bin ich und ganz gewiss keine andere! Und wer was anderes behauptet, der hat einen Knall!"

Und so wird das weiter gehen, bis eine von den beiden endlich nachgibt. Eines jedoch scheint klar: Kunst und Wildnis schenken sich nichts. Wahrscheinlich passen sie deshalb so gut zueinander.

[ AUGUST 2015 ]

sound: mojomills

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