STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

picture

MOURTIAS PLACE

picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture


MOURTIAS PLACE

Mourtias - so heißt eine Ansammlung griechischer Ferien- und Privathäuser rund um eine winzige Felsenbucht im Südosten des Pilions. Als wäre dem Ort der Name unangenehm, sucht man vergebens nach einem Ortsschild. Von den grünen Hängen kann man Skiathos und an klaren Tagen sogar Skopelos und das wilde Alonnissos erkennen, drei der nördlichen Sporaden. Es gibt eine Kapelle, einen kleinen Badestrand mit provisorischem Hafen sowie eine rostige Umkleidekabine, das war`s! Keinen Kiosk, keine Bar, geschweige denn ein Restaurant.

Thomas und seine deutsche Frau Monika leben seit den späten 90er Jahren dort. Sie bauten ihr kleines Fertighaus in einer Nacht- und Nebelaktion, der Bauunternehmer verzichtete auf eine offizielle Baugenehmigung. Seitdem warten sie vergeblich auf einen Anschluss an das öffentliche Stromnetz. Die Behörden tun so, als existiere das Haus nicht. Die nächste öffentliche Stromleitung ist 20 Meter entfernt. Die Mittel für den Anschluss und den Trafo selber aufzubringen, ist den beiden Senioren nicht möglich. Im Norden Griechenlands aufgewachsen, ging Thomas in den 60er Jahren als junger Mann nach Deutschland, wo er als Tischler arbeitete und mit Monika eine Familie gründete. Nach Mourtias zogen sie, weil die Kinder ausgezogen waren und ein Platz an der Sonne mit zwei Grundstücke direkt am Meer sie verlockten.

Stoisch warten sie darauf, doch noch ans Stromnetz angeschlossen zu werden. Bis dahin gewinnen sie Energie aus zwei Solarpanellen, von einem alten Windrad und einem zwei Mal täglich in die Bucht dröhnenden Dieselgenerator, der hinter dem Werkzeugschuppen steht. Das Trinkwasser kommt aus einem Brunnen, der tief in den Berg gebohrt ist.

Als kleiner weißer Riegel thront das Haus 30 Meter über dem Meer, umgeben von uralten Olivenbäumen. Ein gewundener Schleichweg führt hinunter zum Felsstrand. Das Wasser ist sogleich tief und schimmert klarblau. In der Hochsaison ist das schrundige Felsplateau sehr beliebt. Man kann in der Bucht nach Meeresohren tauchen, die perlmuttfarben auf dem Meeresgrund schimmern. Bei absoluter Wind- und Wasserstille kommt gelegentlich eine der letzten lebenden Mönchsrobben oder ein Delphinpäarchen vorbei. Doch es gehört viel Glück dazu, sie zu sichten. Oft genug entpuppt sich die dunkle Gestalt im Wasser als Harpunentaucher im schwarzen Neoprenanzug.

Früher gingen Thomas und Monika noch regelmäßig schwimmen. Mittlerweile ist ihnen der Weg zum Wasser zu steil. Sie haben sich mit der Hitze abgefunden. Sie pflegen den Garten und halten das Haus in Schuss. Es wachsen Weintrauben, Tomaten, Granatäpfel, Oleander, Blumen und natürlich Olivenbäume. Der Boden ist steinig. Um etwas anzupflanzen, muss extra Erde rangeschafft werden. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem hält die Pflanzen am Leben. Von allein wuchert nur das Gestrüpp.

"Saubermachen" nennen sie das Beseitigen der Sträucher unter den Olivenbäumen. Wird ein unbebautes Grundstück nicht regelmäßig gesäubert, kann es von den Behörden zu Wald zurück deklariert werden, womit die Option einer Bebauung verfällt. Im schlimmsten Fall fällt es zurück an den Staat. Thomas besitzt ein großes zweites Grundstück auf der anderen Seite der sandigen Küstenstraße. Er würde es gern verkaufen. Aber welcher abenteuerlustige Aussteiger hat den Ehrgeiz und das nötige Kleingeld, sich sein eigenes Paradies zu schaffen?

Der erste Akt morgens gehört dem Blick auf das Thermometer. Nicht selten zeigt es um 9 Uhr bereits 32 Grad Celsius an. Wenn man Glück hat, verbleiben noch zwanzig Minuten, in denen man die Stille und Weite des Meeres ungestört genießen kann, dann packen die Zikaden ihre Kratz- und Schabeinstrumente aus und legen los. Ihr Sound ist ohrenbetäubend, so wie einen auch die Hitze schnell in den Würgegriff nimmt. Man entkommt beiden nur, wenn man ins Wasser flüchtet.

Hinter dem Haus befindet sich eine Werkstatt. Sie ist eine Mischung aus Vorratskammer und Geräteschuppen. Konservendosen, Einmachgläser, Werkzeuge, Kabel, Hölzer, Schrauben und etliche elektrische Bauteile, deren Sinn und Zweck sich nur Spezialisten erschließt, säumen die Wände und Holzregale. Thomas repariert alles, er ist der geborene Frickler. Bei größeren baulichen Erneuerungen oder anfallenden Reparaturen unterstützt ihn sein Neffe aus dem Nachbardorf.

Einmal in der Woche fahren sie zum Einkaufen in den nächst größten Discounter. Der Großeinkauf nimmt im Vergleich zur Hin- und Rückfahrt nur wenig Zeit in Anspruch. So sparen sie zwar Geld, aber verbrauchen viel Benzin und Nerven. Die Straße schlängelt sich eineinhalb Stunden über die Berge. In den engen Kurven schert der Gesang der vierzig Jahre alten Volksliedkassette im Autoradio gefährlich weit über jede harmonische Mittellinie hinaus.

Was wird aus den beiden und dem Haus, wenn sie das Eremitenleben nicht mehr führen können? Wenn es zu anstrengend wird, im Oktober die Oliven zu ernten und die Grundstücke zu pflegen? Wenn der alte Ford mit dem verblassten Kennzeichen endgültig den Geist aufgibt und ein neuer unerschwinglich wird? Wenn Thomas die Straße über die Berge nicht mehr wie im Schlaf lenken kann, weil der Arm zu sehr schmerzt? Die beiden haben drei Kinder und fünf Enkelkinder, die allesamt in Deutschland leben. Jeden Sommer kommen sie aufgeregt zu Besuch, verbringen die Tage am Strand und die Abende auf der großen Panoramaterrasse mit dem improvisierten Geländer. Aber dort leben?

Wenn ich dort bin, fotografiere ich immer die gleichen Dinge. Das Haus, die lang gestreckte Einfahrt, das Meer, die grandiose Freiluftdusche, den Garten, die Oleanderbäume, die alten Holzstühle auf der Terrasse, den verschatteten Frühstückstisch. Und natürlich die sonnensüchtigen Gäste! Besser gesagt die wüsten Spuren, die sie hinterlassen, als wären sie gar nicht zu Besuch, sondern besiedelten und eroberten die Gegend trotzig vom Haus aus - wenn sich schon bei den Behörden und in der Nachbarschaft nichts regt.


sound: laserlife

→ text