STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

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RUSTY & GRATES

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RUSTY & GRATES

Ich vermute mal, dass ich irgendwo zwischen dem Kellerfundament und Dachgiebel meiner Kindheit einmal zu viel auf einer unbewachten Baustelle rumgeturnt bin. Anders ist es nicht zu erklären, weshalb ich an keinem Absperrgitter, keinem Bauzaun und keiner grellfarbigen Mauer einfach so vorbeigehen kann, ohne einen kurzen Blick in die verbotene Zone zu wagen. Ich will jetzt gar nicht vom Mond im Kies sprechen, dieser fulminanten Introspektion einer somnambulen, kindlichen Baustelleneroberung, die ich einmal vollzogen habe. Aber irgendetwas in mir scheint wesentlich von Rohem, Rauem, Unbestimmtem und Unfertigem affiziert zu werden.

Was hat das mit dieser Serie zu tun? Wenn ich das nur wüsste! Die Bilder sind schon etwas betagt, auch stammen sie von mehreren Berliner Schauplätzen. Die meisten entstanden im Niemandsland von innerstädtischen Industriegebieten, wo eine Autowerkstatt neben der anderen liegt und die mannshohen Mauern mit höllisch scharfen Glasscherben als transluzide Zinnen verziert sind. Es sind solche Straßen, die wie lange Bretter tangential an die Kieze angenagelt sind oder parallel zu S-Bahntrassen verlaufen.

Die Quitzowstraße in Moabit ist dafür ein gutes Beispiel. Eine wunderbare Gegend für einen Brachen- und Budenliebhaber wie mich. Jedoch sollte man beim Fotografieren dort tunlichst darauf achten, nicht plötzlich der Industriespionage bezichtigt oder für einen übereifrigen Rechtsanwaltsgehilfen gehalten zu werden. Am besten gibt man sich als harmlosen, etwas schrägen Liebhaber von Baustellen-Nichtigkeiten zu erkennen. Oder man behauptet, Künstler zu sein. Das federt das latent aggressive Mißtrauen der Vorarbeiter, Monteure und umtriebigen Geschäftsleute dort in den meisten Fällen gut ab.

Ich selbst fühle mich verbunden mit jenem unbekannten Sprayer, der das königsblaue Betonfundament einer großen Lagerhalle mit einem frechen kleinen Catch me if you can verzierte. Und was war ich nicht begeistert, als ich wieder einmal in einem Film von Thomas Arslan eine eindeutige Referenz auf einen absolut apokryphen Ort in Berlin herstellen konnte, an dem zwei Gangster gerade dabei waren, im Schatten einer ringelbunten Brückensäule ihr Fluchtauto zu wechseln und die Beutetaschen voller Raubgeld umzuladen. Ich meine, so eine immens wichtige Szene eines klandestinen Übergangs situiert man ja als ernsthafter Regisseur der Berliner Schule nicht unbedingt am Gendarmenmarkt, oder?

Aber jetzt genug der Anspielungen. Mag sich jeder selbst ein Bild machen von dem, was ich als das Trauma meiner Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit bezeichnen würde.


sound: fathead74

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