STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

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ROUGH

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ROUGH

Brassaï machte sich gern nachts auf den Weg und durchstreifte Paris nach Motiven. Das hatte er sich von Atget abgeguckt. Beide mochten den Anthrazit-Teint schummriger Gassen und das silbrige Lächeln der Dämmerstunden. Dem Budenzauber körniger Wandputze, spiegelnder Ladenscheiben und gleißender Laternenlichter kann auch ich viel abgewinnen. Vor allem dann, wenn alles in einer knöcheltiefen Regenpfütze kulminiert.

Es muss im Hochsommer 2007 gewesen sein, als ich zu meiner Überraschung auf eine prall und schonungslos im harten Mittagslicht liegende Wand der Berliner S-Bahn-Bögen stieß, gegenüber des Kanzleramtes und nahe des damals noch neuen Hauptbahnhofes. Sofort war ich eingenommen von der Rauheit des Ortes. Einmal mehr affizierte mich der aufgelassene Zustand eines Bauwerks mitten in der Stadt.

Früher hatte dort einmal ein Leben stattgefunden, soviel ließ sich noch erkennen. Nur was für eines? Die spärlichen Spuren ließen kaum einen Rückschluss zu. Jeder Bogenabschnitt bannte mich durch die Eigentümlichkeit eines überdauerten und mehrfach überschriebenen Mauerwerks. Gleichzeitig hämmerte dieses harte weiße Julilicht auf alles ein. Mein Kameraobjektiv wurde arg strapaziert. Ich überreizte es, so gut es ging.

Mit allen Mitteln kämpfte dieser Ort gegen eine Neubestimmung. Berlin als glanzvolle Metropole und Hauptstadt prallte an ihm ab. Dankbar nahm ich die Einladung des geschundenen Mauerwerks an und lauschte seiner rauen, müden und dunkel vor sich hin murmelnden Brassaïstimme.


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