STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

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FOR SOME OBSCURE REASON

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FOR SOME OBSCURE REASON

Wie ist eigentlich der Stand in der Julio Cortázar-Forschung? Zuletzt musste ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge feststellen, dass ein vor zehn Jahren vom Suhrkamp Verlag wieder aufgelegter Essayband mit dem Titel „Reise um den Tag in 80 Welten“ mittlerweile für ein paar Euros bei Zweitausendeins verramscht wird.

So etwas geschieht, wenn man Originalausgaben, die es absichtsvoll auf ein Miteinander von Bild- und Textebene abgesehen haben, der verlegerischen Bequemlichkeit halber um die Hälfte ihres Bildmaterials reduziert - zusätzlicher Schuber hin oder her. Man stelle sich vor, die Tagesschau würde plötzlich alle Meldungen wieder nur vom Papier ablesen, ohne einen einzigen filmischen Einspieler nachzuschieben.

Ich bringe hier bewusst zwei weit auseinander liegende Bereiche des Alltags in einen simplen Vergleich: Die Welt der Nachrichten und das Reich der literarischen bzw. essayistischen Imagination. Beide dürften gemeinhin so konsistent miteinander verschmolzen sein wie ein Regenschirm mit einem Imbiss-Kaffeebecher nach einem heftigen herbstlichen Platzregen. Doch Vorsicht, jeder Schein kann trügen!

Der feine Riss zwischen Realismus und Phantastik, den man insbesondere Cortázars Erzählungen nachsagt und der den argentinischen Autor seit Jahrzehnten in die Hände junger Romanistik-StudentInnen zwingt, ist an formschöner Tiefe wahrlich nur schwer zu überbieten. Das Verrückte dabei ist: Er existiert gar nicht! Der Riss ist selber ein Phantasma, da nützt auch das ausgebuffte Lackmuspapier des literaturwissenschaftlichen Aufweises nichts.

Man muss das verstehen lernen in langen, langsamen Amplituden und mühevollen Einheiten der Realitätsaneignung: Was wir die Divergenz von Schein und Sein nennen, ist in Wahrheit nur eine Verlegenheit unseres Wahrnehmungsapparats. Ein Regenschirm gehört so wesentlich mit zu einem herbstlichen Imbissbesuch hinzu, dass nur derjenige getrost das Gegenteil behaupten kann, der sich aus unerfindlichen Gründen für einen Kaffeebecher aus weißem Plastik hält.


sound: erokia

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