STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

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KITES

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KITES

Es gefällt mir, wenn Flugplätze neu interpretiert werden. Menschen gehören auf die Erde und nicht an den Himmel! Ich sage bewusst an und nicht in den Himmel. Jedes Mal, wenn ich auf dem Tempelhofer Flugfeld stehe, jubele ich über den Berliner Volksentscheid. „Alles soll so bleiben, wie es ist!“ Ich behaupte mal, diejenigen, die etwas anderes wollten, haben das Feld bis heute nie betreten.

Ich erinnere mich an den Artikel einer engagierten Tagesspiegel-Autorin, die sich über die Ödnis des Feldes beklagte. Das Auge wäre unterbeschäftigt, die Sinne stumpften ab. Man dürfe das Feld nicht seiner selbst überlassen. Keine Ahnung, ob sie jemals bis zum Airfield Reference Point vorgedrungen war, aber an dem Tag, an dem sie das Feld in Augenschein nahm, muss das Licht irre geblendet haben.

Ich bin durch viele Parks der Welt spaziert, ich liebe sie alle. Aber sie sind nun einmal Parks und keine ehemaligen und der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Flugfelder. Wenn es überall öffentlich zugänglich gemachte Flugfelder gäbe, würde ich einsehen, weshalb aus dem Tempelhofer Flugfeld eine durchgestylte Parklandschaft mit Randbebauung werden sollte. Ist den vermeintlichen Innovatoren eigentlich klar, dass sie das letzte lebende Mammut schlachten wollen?

Der Eiffelturm wurde von den Parisern anfangs als böswilliger Angriff auf ihre Sehgewohnheiten und ihren guten Geschmack verstanden. Nun gut, etwas von diesem Ressentiment ist übrig geblieben, wenn ich an den opulenten Lichtschmuck denke, mit dem das Wahrzeichen durch die Nacht irrlichtert. Dies lässt sich allerdings auch so deuten: „Unser Turm soll im Hellen wie im Dunklen von überall gut zu sehen sein!“ Wie auch immer, ich mag den Parc des Buttes-Chaumont, und trotzdem: „Tempelhof muss bleiben!“

Immer, wenn ich über die Grasbahnen entlang der Landepisten schlendere, komme ich mir vor wie frisch gespültes und blank geputztes Tafelgeschirr. Das Alltagsfett der Berliner Arbeitswoche rutscht an mir nur so ab. Ich bade in Licht, ich schwimme zu den Wolken und ich tauche ein in den nie versiegenden Frischluftstrom – ein Gefühl, für das ich sonst hunderte von Kilometern Richtung Ostsee fahren müsste. Hier bin ich schon nach einer halben Stunde komplett geläutert. Jesus zog in die Wüste, um sich seiner selbst zu vergewissern. Ich drehe einfach eine Runde übers Flugfeld. Allerdings vollbringe ich anschließend auch keine Wunder.

Es ist verboten, auf dem Flugfeld zu übernachten. Einerseits bedauernswert, andererseits eine von vielen guten Regeln, die dort gelten und die weitgehend von allen befolgt werden. Ich könnte viele kleine Geschichten erzählen: von verrückten Sonnenbränden und abstrusen Begegnungen mit Kolkraben, von Aufsehen erregenden Individualisten und monströsen Grillwolken, von humanoiden Riesenhasen und grotesken Kites-X-Men, aber all das würde den Rahmen sprengen. Denn bei dieser kleinen Bilderserie geht es nur um eine bescheidene Annäherung an das Feld.

Das Leben da draußen ist viel zu schön, zu groß, zu herrlich und zu weit, als dass es den zwanghaften Neugestaltungsneurosen übereifriger Allesverbauer überlassen werden darf. Warum reißen sie sich nicht den neuen unfertigen Großflughafen unter den Nagel und gestalten ihn um? Das wäre mal eine Innovation!

[ OKTOBER 2014 ]

sound: minigunfiend

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