STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

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BROTHERS IN BLIZZARD

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BROTHERS IN BLIZZARD

Ich komme in die Jahre. Es knirscht und knackt in den Gelenken, die Geschmeidigkeit lässt nach. Ich gehe jetzt viel durch die Parks, aber ich knutsche dort nicht mehr herum. Im Gegenteil, alle paar Sekunden bleibe ich erschöpft vom Ansturm der Dinge auf meine Augen stehen und ringe nach Atem. Die Kreise, die ich ziehe, werden kleiner, die Abstände zwischen den Motiven auch. Ich interessiere mich mehr und mehr für Situationen, die niemanden sonst vom Hocker reißen. Ich werde anfällig und sentimental. Vielleicht unterliege ich auch einer grandiosen metaphysischen Täuschung.

Manchmal vermisse ich die Zeiten, als die Farben noch prall und die Himmel tiefblau sein durften. Die billigen Filme aus der Drogerie tragen da nicht sonderlich zur Renaissance der Farbfotografie bei. Ihre unvorhersehbaren Farbeffekte sind erstaunlich, werden aber überlagert von überharten oder komplett ausbleibenden Kontrasten. Die eigentümliche Neigung des Negativs zum Verrußen erinnert nicht mal entfernt an den knalligen Zauber von Dye Transfer aus dem Hause Eggleston und Co.

Oft denke ich, die tiefsten Empfindungen, die ein Mensch erfahren kann, Liebe und Schmerz, liegen im assoziativen Zusammentreffen von Natur und Körper begründet. Der Genuss eines zehnminütigen Zungenkusses im Freien etwa, vor der Kulisse eines frühen und herrlich aufgeräumten Morgenhimmels, ist von keiner Kinopremiere, keiner Clubnacht und keinem Warmbadetag im Schwimmbad einzuholen. Gleichwohl stelle ich mir gerne vor, wie dieses letzte romantische Liebespaar im Park, an deren Liebesbank ich jeden Morgen nahezu unbemerkt vorbei komme, von einem Blizzard überrascht, mitten im Kuss zur Eisstatue erstarrt.

Die Serie widme ich jenen unbekannten Brüdern im Geiste, die mir mit ihren jugendlichen Sprühfarben die Spaziergänge auf den neuen Wegen entlang der alten S-Bahntrassse versüßt haben:Tagg it or leave it!


sound: erh

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