STEPHAN REISNER
CV BIBLIOGRAPHIE SERIES

picture

APPARANTLY

picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture picture


APPARANTLY

Es klingt verrückt, aber die besten Bilder, die man als Fotograf von der Welt machen kann, liegen in einem selbst. Es gibt verschiedene Techniken, sie hervorzulocken. Man kann sich in ein feinmaschiges Wahrnehmungsnetz verwandeln und dann vom Trawler des Zufalls durch die Straßen ziehen lassen. Oder man greift zur halbautomatischen Präzisionswaffe und verschrotet auf der Jagd so viele Pixel, wie die Speicherkarte hergibt. Ein dritter Weg führt über bewusste technische Selbstbeschränkung und endet in der hohen Kunst des Fliegenfischens. Alle diese Techniken führen zu hervorragenden Bildtrophäen, von denen ich weiterhin behaupten will, sie liegen von Anfang an in einem selbst.

Es ist im Grunde völlig egal, mit welchem Equipment man auf die Wirklichkeit losgeht, solange man nur seinen inneren Kompass dabei hat. Der zeigt zwar nie die richtige Richtung an, dreht sich aber wie irre im Kreis, wenn man zufällig an einem potentiellen Mastershot vorbei kommt. Doch selbst dieser Kompass garantiert nicht, ins Schwarze zu treffen, wenn der Zwölfender vor einem steht. Das hat bedingt etwas mit Instinkt und Erfahrung zu tun, ganz entschieden aber mit einem transgressiven Moment übernatürlicher und irrationaler Kongruenz. Denn Kameraverschluss und inneres Bild müssen vollständig deckungsgleich übereinander liegen, damit sich die Tür ins Unendliche einen Spalt weit öffnet und die Wahrheit für einen kurzen Augenblick in die Wirklichkeit schlüpfen kann. Nur eine winzige Unachtsamkeit oder ein allzu gut gemeintes Zögern, schon umwölkt eine dicke Staubwolke die davon rennende Zeit und der Blick in die Tiefe verwandelt sich in eine blickdichte Strumpfhose.

Das eigene Album wird nur dann um einen Mastershot reicher, wenn die innere Kapsel der Augenscheinlichkeit wie ein Samenkorn im Äußeren aufspringt, um die blaue Blume des Unvorhergesehenen auf wundersame Weise in die Wirklichkeit hinein blühen zu lassen. Ein reichlich dick aufgetragener Satz für einen relativ simplen Vorgang, aber so ist es nun mal! Wer noch eine weitere Technik kennt, muss sie mir unbedingt einmal erzählen!


sound: erokia

→ text