INTRO
CV
BIBLIOGRAPHIE
SERIES
MAGALOGE LUMAS 1-2013

JAMES & KARLA MURRAY / NEW YORK STOREFRONTS

Diese bunten New Yorker Ladenzeilen locken hinunter auf die Straße, mitten hinein ins Getümmel der Stadt. Lebendiger Ausdruck der kulturellen und religiösen Vielfalt New Yorks, erzählt jedes Fassadengeschäft mit seinen Werbebannern und seinem individuellen Angebot eine persönliche Geschichte.

Das New Yorker Künstlerduo James und Karla Murray hat sich dieser kleinen, quicklebendigen Zeitzeugen angenommen und sie bewusst mit einer analogen 35mm Kamera erfasst. Viele der Läden sind längst Institutionen wie die Yonah Schimmel Knish Bakery in Manhattan oder der Jackson Heights Florist in Queens. Andere sind über die Jahre neu hinzugekommen. Allen setzt die ökonomische Gegenwart zu und übereifrige, modernisierte Stadtverordnungen. So kämpft eine alt eingesessene Metzgerei um ihren Verbleib, weil sie ihre traditionellen Fleischwaren nicht mehr wie eh und je verlockend ins Schaufenster hängen darf.

Das Kapital jeden Geschäfts ist seine ausgewogene Mischung aus Tradition und viriler Anpassungskunst. Jedes buhlt auf seine Weise um Aufmerksamkeit, aber keines macht dem anderen den Platz streitig. Das Gerangel der Werbebanner über den Glasfronten ist nichts anderes als gelebte, sich ständig erneuernde Demokratie. Alle dürfen ihr besonderes Angebot anpreisen, aber niemand dem anderen das Wort abschneiden. Dass nicht alles perfekt durchgestylt ist, sondern auch mal ein Riss das Mauerwerk ziert, eine vom Sonnenlicht ausgeblichene Markise vorkommt oder ein verbogenes Werbeschild, das macht diese Straßenläden erst recht sympathisch.

Überhaupt lohnt es sich, in die Rolle des Flaneurs zu schlüpfen, um sich im Schildkrötentempo von einem Angebot zum nächsten ziehen zu lassen. Nicht nur, um die feinen Unterschiede dieses New Yorker Budenzaubers zu entdecken, sondern auch, um für jeden auserkorenen Straßenzug ein eigenes Rhythmus-Gefühl zu gewinnen.

Bedeutsam für die Dokumentation war nicht nur der fotografische Blick. Wenngleich die Kamera einmal mehr dort half, wo das menschliche Auge versagt. Indem die Künstler die Läden aufsuchten, Tonband-Interviews mit den Besitzern führten und sie dann porträtierten und zu einer von allen Sichtbarrieren befreiten Panorama-Ansicht zusammenfügten, übten sie den Blick auf das Ganze ein. In dieser künstlerischen Intervention spiegelt sich zugleich der bewahrende Gestus und Charakter dieses engagierten Projekts wieder.

Der Blick wird geschärft auf eine leider sehr vom Verschwinden bedrohte Stadtkultur, die vom Nebeneinander, von der Toleranz und der kreativen Anpassung lebt. Große Ketten mit ihren uniformen Labels und raumgreifenden Ladenkonzepten machen diesen originären Ladenzeilen den Platz streitig. Sie verdrängen jene freie Nachbarschaftskultur und bunte kulturelle Vielfalt, deren Durchmischung die besondere Atmosphäre der Straßenzüge erst erzeugt. Qualitäten, die jeder Stadt gut zu Gesicht stehen, nicht nur diesseits New Yorker Bürgersteige.

[ART-TEXT / LUMAS / MEDIEN MAGALOG / FRÜHJAHR 2013]