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MAGALOGE LUMAS 1-2013

FORMENTO & FORMENTO / CIRCUMSTANCES

Warmes Sonnenlicht bricht durch die Scheiben eines amerikanischen Diners. Eine junge Frau sitzt am Tisch und legt ihren Kopf auf die Tischplatte. Als wolle sie sich wegducken, blickt sie den Betrachter aus der Bildmitte an. Ihr blondes Haar, ihr sommerliches Kleid erstrahlen im Kegel des einfallenden Lichts. Hinter ihr spielen verzerrte Schatten einer Schaufensterschrift auf der ledernen Sitzbank. Der Himmel draußen ist klarblau. Doch drinnen - auf der spiegelnden, glänzenden Resopalplatte verwandelt er sich in eine dunkelgraue Masse.

Wir befinden uns im besten Formento & Formento-Land - einer fotografischen Kunstwelt voller Licht, Dramatik, Schönheit, Realität und Schatten. Fünf Monate lang querte das kongeniale Künstlerduo quer durch die USA und sprach auf der Reise junge Frauen an, die es in entlegene Winkel der Staaten verschlagen hatte. Sie erfuhren von Liebes- und Leidensgeschichten und fragten die Frauen offen, ob sie sich in einer künstlerisch inspirierten Szene porträtieren lassen würden. Viele stimmen zu, und so begann eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit. Es entstanden traumwandlerische Szenen und einprägsame Bilder. Intensive Momente der Verletzlichkeit und Irritation, aber auch des Stolzes und der inneren Selbstsicherheit. Jedes Bild lässt eine melancholische Sehnsucht aufkommen, die entsteht, wenn die Schatten des Tages länger und immer schöner werden.

"Circumstances" nannte das Duo die Serie. Der Titel verweist nicht nur auf die jeweilige Umgebung und den sorgfältig ausgewählten Ort, an dem die Bilder mit kleinem fotografischen Equipment, aber mit großer Sorgfalt und einem feinen Gespür für Improvisation, Dekors und Kleider sowie einem gut sortiertem Handkoffer voll Kosmetik entstanden. Er betont zugleich die jeweilige Lebenssituation der Porträtierten, auch wenn sie durch die ästhetische Inszenierung und künstlerische Dramatisierung bewusst auf eine andere und artifizielle Ebene gehoben wird. So ist es kein Zufall, dass die Bilder filmisch wirken, wie zugespitzte Szenenmomente, in denen etwas Dramatisches geschieht oder sich etwas Gravierendes anbahnt. Rätselhafte, teilweise verstörende Momente wie in einem Film von David Lynch. Spannungsgeladene Szenen der Schönheit und des Stils innerhalb einer aufgelassenen und unwirtlichen Umgebung - ganz wie in einem Film Noir.

Wir begegnen tiefen, Atem beraubenden Blicken und stilvollen Frauentypen, deren Eleganz und Modebewusstsein wie aus einer filmischen Komposition Alfred Hitchcocks entsprungen zu sein scheinen. Jedes Bild erzählt von einem emotional aufgeladenen Moment innerhalb eines narrativem Davor und Danach. Die präzise gesetzten Schlaglichter auf die Modelle glimmen durch die Dämmerung und schummerigen Motelzimmer. Als sei ein Filmteam ohne festes Drehbuch durch die Staaten gereist und hätte sich Szene für Szene eines Films erarbeitet, der zwar keine lineare Geschichte erzählt, aber in jeder Sekunde vom Amerikanischen Traum handelt. Immer wieder erwacht dieser Traum für einen Moment, blickt auf in eine gespenstische Realität, um dann die Augen wieder zu schließen und einfach fort zu träumen.

[ART-TEXT / LUMAS / MEDIEN MAGALOG / FRÜHJAHR 2013]