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FREDDY REITZ / REITZSCHEMA

Es gehört schon eine Prise Humor dazu, im Berliner Brandenburger Tor eine Heftklammer zu sehen und dieses dann als solche noch künstlerisch zu gebrauchen. Aber genau dies tut die deutsch-amerikanische Künstlerin Freddy Reitz in ihren markanten, knallroten und mit Assoziationsbegriffen aufgeladenen Städte-Diptychen: Hier New York, da Berlin - je als farbige Begriffslandschaft in Schablonenschrift auf grellrote Hintergründe gemalt und visuell zusammengetackert mit einem kleinen aufgesetzten Brandenburger Tor. Das ist frech, das ist plakativ und alles andere als oberflächlich!

Correspondent Art nennt die in Berlin lebende Künstlerin ihre Arbeiten. Absichtsvoll initiiert sie eine direkte Verbindung zwischen Objekt und Betrachter, um wie bei dem Prinzip der kommunizierenden Röhren ein wechselseitiges Bedingungsgefüge zwischen In- und Output herzustellen. Ein Wort sagt da manchmal mehr als tausend Bilder, und ein kombinierter Schriftzug mehr als tausend Filme: "Freedom" und "Gunshots" zum Beispiel. Oder die Kombination "89" und "CCCP". Es liegt an einem selbst, mit welcher Wucht man im Augenblick des Lesens solcher Schlagwörter getroffen wird, welche Assoziationen auffliegen.

Reitz legt den Bedeutungsfinger bewusst in die Wunde der Wahrnehmung. Ihre Arbeiten sind Spiegelbilder des Konsums und der Medien. Sie spielen offen mit der Einflussnahme von Politik auf unseren Alltag und entlarven instabile oder vage Bedeutungskonstruktionen. Was sind moralische Formeln oft anderes als leere Begriffshülsen? Auch dies gehört zum konzeptionellen Inhalt und bewussten Programm des verschmitzten künstlerischen Reitzschemas.

Ihre Kunst ist eine erweiterte Form der Pop Art, sie operiert mit starken Symbolen, die nichts desto trotz ästhetisch wirken. So gehört die Ketchupflasche zu ihren Lieblingsmotiven. Doch Reitz wäre nicht Reitz, wenn sie nicht weiterginge als Andy Warhol: Sie lässt ihre Ketchupflasche explodieren und den saftigroten Inhalt in Pollockmanier wild über die Leinwand schießen. Nicht zufällig wirkt das Bild dann, als habe jemand ein riesiges Werbeplakat herunter gerissen und dabei alte Plakatschichten freigelegt.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2012]