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DAMIEN HIRST

Um zu beweisen, wie ausdrucksstark ein regelmäßiges rechteckiges Gitter aus schlichten farbigen Punkten an der Ausstellungswand eines alten Warenhauses wirken kann, malte 1988 ein 23 Jahre junger britischer Künstler gleich zwei Bilder dieser Art nebeneinander. "Edge" und "Row" hießen diese ersten öffentlich ausgestellten Punktebilder von Damien Hirst. Der unbekannte Künstler von damals entwickelte sich rasant schnell zu einem der wichtigsten und streitbarsten Gegenwartskünstler seiner Zeit. Kaum 15 Jahre später widmete ihm die Londoner Tate Modern bereits eine eigene Werkschau. Damien Hirst gehört zu jener Generation einflussreicher britischer Künstler, die die Fachwelt ob ihrer Innovationen die Young British Talents nennt.

So leicht und schwebend das Ergebnis von "Edge" und "Row", so lange beschäftigte ihn das Thema zuvor. Wie kann Farbe so konzentriert, direkt und dennoch mit Bedeutung behaftet zur Bildsprache werden? Das Ergebnis war der Beginn eines seitdem immer wieder neu initiierten Farbschemas. Einige der Punktebilder beziehen sich ganz offen auf Erzeugnisse der Pharmaindustrie. In sanften Pastelltönen und in gleichmäßiger Anordnung suggerieren die Farbpillen eine schmerzfreie Zone. Sehr hintersinnig titelte Hirst die Serie durch. Nach Wirkstoffnamen, die, würde man sie aneinander reihen und laut vorlesen, wie ein Gedicht in konkreter Poesie klängen: Mepromate Lepidine Histidyl - Abalone Acetone Powder.

Die Übertragbarkeit von Sinn und die mediale Transformation von Inhalten waren stets im Sinne des Künstlers. Man erinnere sich nur an den leibhaftigen Tigerhai, jenen stummen Killer der Meerestiefen, den Hirst 1991 in Formalin gießen und mit weit aufgerissenem Maul und messerscharfen Zähnen aus einem riesigen blauen Glasschrein blicken ließ: "Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden" nannte er das bedrohliche Werk. Wie kaum einem anderen gelingt es ihm immer wieder, das Publikum zu spalten und den globalen Kunstmarkt in helle Aufregung zu versetzen. 2007 fertigte er einen Menschenschädel aus Platin, besetzt mit 8601 lupenreinen Edelsteinen, darunter einen üppigen 52 Karat Diamanten als Stirnschmuck. Für rund 100 Millionen Dollar wurde der Schädel von einer Käufergruppe ersteigert. Nur was war davon zu halten, dass der Künstler selbst zur Käufergruppe gehörte, wie sich schnell herausstellte?

Seine Kunst ist im besten Sinne ambivalent angelegt. Seine Werke kreisen stets um einen zentralen Punkt in seinem Denken: "I've got an obsession with death ... But I think it's like a celebration of life rather than something morbid". Egal, ob er Tiere in Formalin gießt, Kaleidoskopbilder aus Schmetterlingen kreiert oder einen Röntgenschädel mit hinreißenden Farbmischungen überzieht, bei ihm geht der Tod stets mit dem Leben schwanger.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2012]