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SAMUEL GOTTSCHO / MANHATTAN IM WANDEL

Der architektonische Wandel, der sich in den 1930er Jahren in New York vollzog, brachte eine neue Sicht auf die Stadt hervor. Waren doch Aufnahmen aus größerer Höhe zuvor nur aus Flugzeugen oder Zeppelinen möglich gewesen. Nun aber boten die Plattformen der neuen Wolkenkratzer gute Gelegenheiten, das Objektiv auf Unendlich zu stellen und in die Tiefe der Landschaft zu fotografieren. Himmel und Horizont verschmolzen zu einer diffusen urbanen Unendlichkeitslandschaft im Hintergrund. Gleichzeitig schossen einige Gebäude schneller in die Höhe als andere, weshalb der Blick auf manchen Solitär der Extremarchitektur relativ unverstellt ausfiel und zu beeindruckenden Einzelporträts führte.

Samuel Gottscho, der 1875 in Brooklyn geboren wurde, gehörte zu den ersten Architektur- und Dokumentarfotografen, die diesen Wandel der rasant emporwachsenden Stadt mit der Kamera begleitete. Seine Bilder wurden als Illustrationen in der New York Times und auf den Titeln von architektonischen Illustrierten abgedruckt. Was seine Fotografien von denen anderer unterschied, war gar nicht so sehr ein technisches oder gar formales Moment, sondern eher die Übertragung bestimmter Individualisierungsprinzipien der Straßenfotografie auf die Ebene der neu eroberten Höhe. Er schenkte den Gebäuden ein Gesicht und erfasste sie in mystisch elektrifiziertem Nachtlicht. Bei ihm wirkten die Wolkenkratzer manchmal wie dahineilende Passanten, die dynamisch die Bildfläche betreten. Dieser menschliche und spektakuläre Faktor in Gottschos New York-Bildern machte sie neben dem stadtgeschichtlichen Aspekt zu etwas Außergewöhnlichen.

[ART-TEXT / LUMAS / MEDIEN MAGALOG / HERBST 2012]