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BERENICE ABBOTT / CHANGING NEW YORK

Kein Geringerer als Man Ray stellte Berenice Abbott Anfang der 20er Jahre in Paris als Labor-Assistentin an. Beide kannten sich aus New York. Abbott gehörte zur Boheme von Greenich Village. Recht schnell entpuppte sich die unscheinbare Assistentin als versierte Porträtistin - allerdings verfolgte sie einen komplett anderen Bildstil als Man Ray.

Wer aus der Pariser Künstler- und Gesellschaftsszene etwas auf sich hielt, ließ sich von beiden ablichten. Man Ray war es auch, der Abbott auf einen in Vergessenheit geratenen Pariser Photographen aufmerksam machte: Eugene Atget. Für Abbott waren Atgets Pariser Stadtbilder eine Offenbarung. Sie zeigten das alte Paris auf so eindringliche Weise, wie es nur die nüchterne Bildsprache der Photographie vermochte. Ende der 20er in das boomende New York zurückgekehrt, staunte sie über den enormen Wandel der Stadt und begann begeistert zu fotografieren.

"Changing New York" nannte sich das Mammutprojekt, das sie über Jahre verfolgte. Sie tue in Manhattan das, was Atget in Paris getan habe, sagte sie. Abbott verfolgte einen Stil, der gleichermaßen von intuitiver Sichtweise und nüchterner fotografischer Präzision geprägt war. Ihre Bilder wurden zu einmaligen Zeitdokumenten der Stadtgeschichte und prägten die Straßen- und Architekturfotografie New Yorks nachhaltig. Tanksäulen als moderne Totempfähle, Werbebanner als grafische und Bildraum strukturierende Elemente - das gab es vorher nicht.

Die Vergangenheit stieß in ihren Bildern auf die Gegenwart, klassische Senkrechten auf stürzende Linien. Die Spannung und Intensität des schier über sich hinaus wachsenden New Yorks war ihren Bildern unmittelbar abzulesen. Architektonischer Glamour und soziale Armut lagen eng beieinander, manchmal nur einen Block weit entfernt.

Abbott dokumentierte wertfrei, aber fotografierte voll Leidenschaft. Sie hielt fest und zeigte auf. Der New Yorker Hafen mit seinen vielen Schiffen und kleinen Schleppern wie der Watuppa gehörte genauso zum Projekt wie die neuen Luxustürme Manhattans, die sich mächtig hinter den alten Einwandererblocks der Henry-Street erhoben. Abbott übersetzte die neue Energie der Stadt in eindringliche Bilder und war selbst Teil dieser neuen Energie.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / FrÜHJAHR 2012]