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SABINE WILD / HONGKONG, LONDON

Sabine Wilds Bildstil erstaunt durch Variation und Vielfalt. Mal durchzieht ein dramatischer Einschuss von Farbelementen die vibrierenden Fassaden und Architekturen, ein anderes Mal überwiegt das Maß optischer Verwischung im Bild. Ihre Kompositionen suchen stets ein fein ausdifferenziertes Spannungsverhältnis zwischen grafisch-abstrakten und gegenständlich-realistischen Elementen. Durch die Verfremdungsebenen hindurch öffnet sich dabei ein Mikrokosmos realistisch durchgearbeiteter architektonischer Details. Zusammen ergeben all diese Stilmittel eine signifikante Bildsprache, die den Blick des Betrachters nicht nur auf Bekanntes, sondern ebenso auf verborgene Zwischenzonen des Wirklichen und Urbanen lenkt.

Insbesondere in den neuen Hong Kong-Motiven wird dieser Zwischenraum des Realen auf die Spitze getrieben, er erscheint wie mit einer phantastischen Note bedacht. In dramatischen Blicktiefen hinab fällt nächtliches Dunkel in die Stadt, in das dichte Gedränge von modernen Hochhäusern und Straßenschluchten, gekontert allein von bunten Lichtgarben, die flächig aus der Tiefe heraufschwemmen oder blitzartig aufgleißen. Die Stadt erscheint zeitlich und räumlich entrückt, als befände sie sich auf einer eigenen Umlaufbahn durch den Kosmos.

Ganz anders dagegen die neuen Londoner Motive, die im helllichten Schein eines kaum getrübten Himmels die klassischen Themse-Wahrzeichen Tower Bridge, Big Ben, London Bridge und Palace of Westminster in verschiedenen Ansichten abbilden. Für Sabine Wilds Verhältnisse erweisen sich die Bilder als geradezu aufgeräumt, licht und weit, mit einem gestrichenen oder nur von kleinen Wölkchen heimgesuchten Himmel. Umso deutlicher kommen die Wahrzeichen selbst zum Vorschein - in einem Motiv sogar regelrecht ziseliert und nahezu übersinnlich anmutend, beinahe wie eine geisterhaft architektonische Erscheinung selbst: der Palace of Westminster. Die Themse bietet stets einen gleichmäßig neutralen Grund, über dem die Wahrzeichen zu schweben scheinen. Die Brücken wiederum fixieren die Gebäude wie Streben fest mit dem Bildrand. Einmal mehr muss man über Sabine Wilds Städtebilder staunen.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2011]