INTRO
CV
BIBLIOGRAPHIE
SERIES

NOEL MYES / MULTIPLE ART TREES

In London zum Zeichner und Maler ausgebildet, wird der britische Künstler Noel Myes seit Jahren von vielen als Fotograf mit bildungsmalerischem Hintergrund bezeichnet. Eine Kompromissbezeichnung, die er deshalb zulässt, weil seine großformatigen Foto-Arbeiten in der Tat nicht leicht einzuordnen sind. Myes selbst pflegt eine sehr dezidierte Meinung von der Fotografie in Bezug auf die menschliche Wahrnehmung. Diese versucht er in seinen Bildern auch zu zeigen. Ausgangspunkt ist seine Feststellung: "Niemand geht mit geschlossen Augen durch die Welt und öffnet sie für eine 1/250 Sekunde, um sie dann wieder zu schließen und zum nächsten Motiv zu gehen."

Unsere Wahrnehmung ist keine Kamera. So sind seine großformatigen Baumstillleben auch keine Momentaufnahmen oder sollen auch nicht als solche verstanden werden. Sie bestehen zwar aus etlichen Momentbildern, die er anschließend jedoch zu einem einzigen Gesamtbild zusammenfügt. Myes stellt seine Collagen dabei in klassischer analoger Fototechnik her. Auf der anderen Seite widerspricht bereits die multiple Perspektivvielfalt, die in den Collagen kreiert ist, der klassischen fotografischen Monoperspektive. Was wir sehen, ist ein Baum, der aus etlichen Detailaufnahmen besteht, die über mehrere Jahreszeiten hinweg aufgenommen wurden. Details von unten, von der Seite, von Nahem und aus der Ferne fotografiert.

Wie bei einem kubistischen Stillleben ging Myes um den Baum herum und nahm ihn von verschiedenen Seiten auf, um die Raumschnitte dann zu einer zweidimensionalen Ansicht zu kombinieren. So gesehen, revolutioniert er den flüchtigen Wahrnehmungsmoment der klassischen Fotografie zu einem zeitlich und räumlich mehrsinnigen Gesamtausdruck. Das hat zur Folge, dass wir als Betrachter gar nicht anders können, als uns unmittelbar zu fragen, was die Natur oder ein Baum für uns sind?

Nicht nur eine organisch gewachsene Struktur, in der jedes Detail mit dem Ganzen in Beziehung steht. Sondern auch eine sinnliche Erfahrung. Ganz so wie Myes` Bilder selbst. Mit dem Unterschied, dass er ausschließlich das Königsmedium der aufgehobenen Flüchtigkeit benutzt - die Fotografie, um uns diese eindringliche Erfahrung zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund darf man ihn, so wie er sich selbst eigentlich auch, getrost einen reinen Fotografen nennen.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2011]