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IMAGNO / DIE WELT HEUTE - DIE WELT GESTERN

"Der größte Teil des heutigen Berlins erinnert mit keiner Spur an eine frühere Zeit. Der Boden, auf dem es steht, besitzt seine Tradition und seine Geschichte, doch die Stadt selbst besitzt diese nicht. Es ist eine neue Stadt, die neueste, die ich je gesehen habe. Chicago nähme sich dagegen ehrwürdig aus." (Mark Twain, 1862)

Das Entdecken der Vergangenheit im Gegenwärtigen, dazu noch im ungewöhnlichen Farbgewand, dies macht den eigentümlichen Reiz der über 100 Jahre alten Glasnegative aus den Beständen des Imagno-Bilderarchivs aus. Man kann das Zitat von Mark Twain interpretieren, wie man will. Für uns Nachgeborene war und ist Berlin schon immer ein pulsierender Ort gewesen, auch wenn in Chicago vor über 150 Jahren das moderne Hochhaus erfunden wurde. Dies bedeutet freilich nicht, dass wir nicht auch wie der amerikanische Schriftsteller überwältigt sein könnten von der ins Bild gesetzten Zeitlichkeit, die uns in diesen alten Fotografien begegnet.

Im 19. Jahrhudert gehörte die Farbe noch ausschließlich den Malern und Dichtern. Leicht zugängliches Farbfilmmaterial wurde erst ab 1930 produziert. Die Fotografen wiederum besaßen den detailgenauen und tiefenscharfen Wirklichkeitsabdruck. Und so trieb die Sehnsucht des einen die Fähigkeiten der anderen zu einer hybriden Form. Die Glasnegative wurden aufwendig und sorgfältig per Hand nachkoloriert. Insbesondere dem Betrachter von heute kommt dieses kunstvolle Handwerk nun zugute, denn unser Bild von der Geschichte ist vornehmlich von Schwarzweiß-Aufnahmen geprägt.

Wie ein Tourist reisen wir durch die Zeit hin zu jenen verlockenden Orten und Plätzen, die wir höchstwahrscheinlich schon einmal leibhaftig besucht haben. Venedigs Brücken und Kanäle, der Eiffelturm in Paris, die Frauenkirche in München. Mancher befindet sich womöglich just in diesem Augenblick keine zehn Kilometer von diesen Wahrzeichen entfernt. Wir sehen das Berliner Bode-Museum im weichen rötlichen Abendlicht und können nicht umhin zuzugeben, wie überwältigend frisch und gegenwärtig es uns auf dem Bild erscheint - als sei es gerade eben saniert und wiedereröffnet worden! Ja, die Zeiten spielen für uns Betrachter tatsächlich ein wenig verrückt. Droschken und schwarze Zylinder verraten den enormen Zeitsprung, und doch entdecken wir auch ein wenig die Gegenwart in diesen Zeugnissen der Vergangenheit.

Dieses einmalige Erscheinen einer Ferne, so nah sie sein mag, beschrieb der Berliner Denker und Schriftsteller Walter Benjamin als Aura. Er bezog sich dabei insbesondere auf die Kultur des 19. Jahrhunderts und die Anfänge der Fotografie. Noch stehen Pferd und Automobil gleichberechtigt auf der Straße, und Kaiser Wilhelm hält eine Parade unter den Linden ab. Doch die gigantischen Eisen- und Stahlkonstruktionen in Paris und New York künden bereits vom neuen Zeitalter der Moderne mit ihrer neuartigen medialen Beschriftung der Welt. Diese alten Bilder sind wunderbarer Augenzauber: Bekannte Architekturen in aufregend ferne Zeiten gebettet - ganz leicht gleiten wir hinüber in die ferne Vergangenheit. Jede Stadt hat ihre Wahrzeichen, ihre Architekturstile und typischen Blickachsen. Als Zeitreisende begegnen wir dabei nicht nur dem Vergangenen im Modus des fotografischen Jetzt, wir bekommen zugleich eine ausgesuchte Auswahl historischer Ansichten geboten, die von einer großen Sammelleidenschaft und ästhetisch motivierten Kunstkennerschaft des Archivars zeugt.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2011]