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NOUVEAU PLEINAIR / STRECKENTEXT LANDSCHAFT

Die Natur genügt sich selbst. Sie wechselt ihre Garderobe je nach Jahreszeit und kreiert in einem fort neue Wolken- und Wetterspiele. Man könnte sie für eine große Künstlerin halten und ihre Kreativität hervorheben, mit der sie einen fernen Gebirgszug oder ein unentdecktes Atoll in etwas Einmaliges verwandelt. Und doch entscheidet immer noch der Betrachter, ob und auf welche Weise etwas schön ist. Dies gilt insbesondere für den Fotografen: Sein Blick setzt die Natur erst ins Werk. Nichts anderes meinte Oscar Wilde, als er der Nachahmung der Kunst durch die Natur den Vorrang gab als umgekehrt der Nachahmung der Natur durch die Kunst. Es wäre entschieden zu leicht, einfach nur den Auslöser zu drücken und sofort ein gutes Bild zu erhalten.

Wie zeitintensiv die Entdeckung des Naturschönen ist, beweist der Fotograf OLIVIER FÖLLMI. Bevor er auf einer Reise die Kamera auspackt, fühlt er sich ausgiebig ein in Landschaft und Leben vor Ort. Nur so offenbart sich ihm ein tieferer Zusammenhang aus natürlicher Schönheit und menschlicher Kultur. Sein unvoreingenommener und humanistisch geprägter Blick entdeckt dabei nicht nur ungewöhnliche, seltene Augenblicke des Zwischenmenschlichen, er erweckt das Landschaftliche selbst zum Leben. Seine Bilder öffnen dem Betrachter einen leisen, gefühlvollen Pfad in die Natur hinein, in dem selbst kleinste, unscheinbarste Spuren zu großen und sehr berührenden Einsichten führen können.

Einer besonderen Form des Sehens begegnet man auch in den Bildern von KLAUS D. FRANCKE. Er sieht und fotografiert die Welt so, wie manch einer sie nicht einmal zu träumen wagt - aus der Höhe. Seit 20 Jahren steigt der ehemalige Architekt und Mitbegründer der Agentur Bilderberg in eine Cessna 172 und fotografiert die Erde in Höhenabständen zwischen 300 - 1500 Meter. Was er im Bild festhält, verschlägt einem den Atem. Staunend blickt man auf das, was sich als abstraktes Muster vor dem Auge offenbart. Man möchte sogleich wissen, was das ist: Ist es ein Gebirge, ein See, eine Vulkanlandschaft - verwandelt in die Bildsprache eines Van Gogh, Picasso, Piet Mondrian, Claude Monet oder Jackson Pollock? Das Erkennen und Gewahren des Natürlichen, die Entschlüsselung des farblich wie geometrisch durchwirkten Motivs, verwandelt das anfängliche Staunen in staunende Gewissheit. Mit jedem Bild durchläuft der Blick die Wahrnehmungsspirale aus Neugierde und optischer Berührung neu. Er steigt steil in die Höhe, um von dort mit Adleraugen auf die Erde herunter zu blicken, um sie als etwas wahrzunehmen, was sie für uns am Boden Zurückgebliebene nicht ist: Eine riesige Werkschau der künstlerischen Abstraktion und Expression. All diese Orte und Landschaften, die Francke in der Tradition der Aero-Fotografie in abstrakte Gemälde verwandelt, tragen dabei kaum weniger phantastische Namen, als sie wundersam im Bild wirken: Salinen in der Makgadikgadi-Pfanne, der Oponono-See in Namibia, ein Gletscherfuß westlich von Höfn. Vor jedem Flug studiert der Fotograf geologische Karten und macht sich ein ungefähres Bild von dem, was ihn vor Ort wohl erwarten wird. Sieht er es dann unter sich, ist er selbst oft überrascht von der sinnlichen Erscheinung. Und doch ist es gerade sein konzentrierter Blick, der darüber entscheidet, wie später das Bild aussehen wird. Francke ist und bleibt Schöpfer dieser Bilder, auch wenn die Natur ihm unentwegt neue Motive zur Verfügung stellt.

Gibt man einer Landschaft genügend Zeit und scheut die Extrameile Fußweg nicht, dann kann man ihr, wie der renommierte Reisefotograf PETER ADAMS, sogar mehr als einmal eine einmalige schöne Erscheinungsform entlocken. Seine Serie betörender Panoramen eines Landschaftszuges in der Toskana beweist, dass jede Stunde, jeder Morgen, jeder Abend eine ganz eigene Regie führt über ein ausgewähltes Landschaftsstück. Man möchte nicht in die Verlegenheit geraten, die schönste dieser Stimmungen auswählen zu müssen. Und doch belässt es der Fotograf nicht bei einer mehrfachen bildlichen Wiederholung eines einzigen Landschaftszuges. Denn eine kaum wahrnehmbare Veränderung des Aufnahmepunktes regt zu einem intensiven Vergleich der Bilder untereinander an. Was ist es genau, weshalb sich diese Landschaft für den Betrachter immer wieder als schön herausstellt? Wenn Schönheit per Definition die geschmeidige Mitte aller Erscheinungsformen ist, dann wäre sie hier aufgehoben in einer eigentlich unsichtbaren Version des Landschaftszuges. Denn jedes Bild weist eine kleine Varianz, eine leichte Abweichung zu allen anderen auf. So erfährt der Betrachter, dass Schönheit und Sehnsucht eng miteinander verbunden sind. Dies ist wahrlich ein wunderbarer und sehr feiner Zug dieser Arbeiten, die uns eine einzigartige Landschaft als vielgestaltige Schöne vorstellen.

Der Hamburger Fotograf RALPH HARGARTEN kennt ebenso mehrere Seiten des Schönen. Da ist die kreative, glanzvolle, die in seinen Auftragsarbeiten aufscheint und mit bestimmten Inhalten gefüllt wird. Und da ist die unbelassene, machtvoll beeindruckende der Natur, die keiner zusätzlichen Botschaft bedarf, um als etwas Besonderes erfasst zu werden. Und doch muss er gerade diese unmittelbare Seite des Naturschönen erst einmal sichtbar machen. Das gelingt Hargarten wie kaum einem anderen. In seinen eindrucksvollen Landschaftsbildern spürt man sowohl die kraftvolle Lebendigkeit als auch die Einsamkeit der Natur. Sei es dass ein dichter Nebel einen Regenwald durchstreift, eine verträumte Wolkenformation sich langsam aus dem Bett des Himmels hebt oder die sprühende Gischt eines monumentalen Wasserfalls die umgebende Luft abkühlt - immer hat man als Betrachter das Gefühl, förmlich eintreten zu können in diese Bildwelten, um mit der lebendigen Erhabenheit der Natur zu verschmelzen. Die Motive wirken aus sich selbst heraus. Dass sie keine näheren Angaben über Ort und Zeit benötigen, steht nicht im Widerspruch zu ihrer Existenz. Alle Motive werden lakonisch auf knappe Grundbegriffe reduziert und erwecken so den Eindruck, als seien sie zugleich einem Genre zugeordnet werden: "Waterfalls", "Forrest", "Clouds". Und in der Tat umreißen die jeweiligen Einzelbilder eine nahezu nach außen abgegrenzte und für sich stehende Motivwelt. Doch bleibt es nach wie vor erstaunlich, wie ein gemeinsames Element alle drei Serien durchzieht und sie als zusammengehörig erkennen lässt: Es ist diese eigentümliche atmosphärische Spannung, die nicht allein von den Kräften der Natur herrührt, sondern durch die Form der Motivführung und die Art des Sehens und des fotografischen Wahrnehmens bestimmt wird. So zeigt sich auch hier das Diktum Oscar Wildes, wonach das Leben die Kunst weit mehr nachahme als die Kunst das Leben.

Zwischen Kunst und privatem Leben wechselt auch der Rockmusiker FARIN URLAUB. Schon seit langem beschäftigt er sich mit der Fotografie und vergrößert Jahr für Jahr sein Equipment. Bereits in seinem Fotobuch über Indien und Bhutan bewies er eine virtuose Beobachtungsgabe, gepaart mit einer eindringlichen Bildsprache. Aus seinen Bildern spricht ein bewusstes Sehen, dass flüchtige Momente zu vertiefen und fremde Kulturen in lebendige Erzählungen zu übersetzen weiß. Nun hat er Japan bereist und den heiligen buddhistischen Tempelgärten von Kyoto einen Besuch abgestattet. Er zeigt Japan mit einem farbintensiven, dunkeltonigen, nichts desto trotz frisch wirkendem Gesicht. Dieses Gesicht lächelt dem Betrachter sanft zu, dann errötet es, um schließlich in einen Tagtraum aus Blättern, Wassern und grünen Hölzern aufzugehen. Dort verzweigen sich die Pfade. Der Betrachter begegnet leuchtend grünen Grasgeschöpfen, die sich auf einer vulkanischen Hochebene zum stillen Gebet versammeln. An einem anderen Ort, an einem in sphärisches Licht getauchten Ufer, vollzieht sich der intime Waschungsritus von filigran herausgeputzten Grünpflanzen. Nie vergisst Farin Urlaub über den Augenblick der fotografischen Meditation hinaus, die Rückreise zu den Dingen und zur Wirklichkeit anzutreten. Er bringt uns eine fernöstliche Kulturlandschaft näher, von der sich Europäer oft ein sehr eigenes und freies Bild machen. Unter der leicht melancholischen Oberfläche der Bilder spürt man einen zarten, überaus sympathischen Wesenszug, der den unbekannten Dingen einmal mehr den Anschein der Fremdheit nimmt und sie uns vorurteilsfrei vorstellt.

[ART-STRECKENTEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2010]