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FORM UND FARBE / STRECKENTEXT ILLUSTRATION

Illustrationen erzeugen wunderbare Synergieeffekte. Sie erfüllen nicht nur funktionale Zwecke, indem sie Texte auf graphische Weise begleiten, sie verleihen deren Sujets darüber hinaus sehr eigene und kunstvolle Gesichter. Eine gute Illustration überzeugt mit einer gelungenen Nuancierung und einer bildnerisch überraschenden Interpretationen des Textinhalts. In Amerikas wichtigsten Magazinredaktionen gelten gute Illustratoren schon seit langem als Künstler. Der Gattung wird mehr beigemessen, als nur grafische Begleitmusik des Textmediums zu sein. Die Werke von renommierten Illustratoren werden mittlerweile hoch gehandelt und in anspruchsvollen Galerien ausgestellt. Längst haben sie sich vom Status, sujet- und inhaltsgebundene Begleiter zu sein, emanzipiert.

Dem Brasilianer EDUARDO RECIFE genügte es schon als Kind nicht mehr, einen Baum nur als wolkigen Umriss oder krakeliges Skelett zu zeichnen. Er malte jedem Ast eine Woge Blätter an. Diese Obsession fürs Detail hat er sich bewahrt. Geprägt vom Lebensalltag Brasiliens, dieser verstörenden Synthese aus Schönheit und Gewalt, sind auch Recifes Arbeiten mehrschichtige Gebilde, in denen grafische und bildnerische Elemente um semantische Vorherrschaft kämpfen. Mit ausgesuchten Schriftzügen kontert er die Bildebene - eine surrealistische Geste, die an René Magritte erinnert. Typographie ist für ihn weit mehr als nur ein Set funktionaler Zeichen. Sie ist Bildlichkeit und bedeutendes Zeichenelement in einem. Seine Vorliebe für alte Versatzstücke, insbesondere Graphiken und Schriften, ist seinen Bildern unmittelbar abzulesen. Zu seinen Kunden gehören die New York Times, The Guardian und The Quest Magazine.

Ein Magier der Farben und Formen, ein fabulöser Geschichtenerzähler und renommierter Illustrator ist auch der Deutsche OLAF HAJEK. Seine Bildsprache zeugt von großer Leidenschaft fürs Sampling und Kombinieren von Stilen, wobei augenfällig ist, wie ausgesucht und harmonisch selbst disparate Elemente aus sehr unterschiedlichen Kulturen und Epochen bei Hajek zu einem neuen und unverwechselbaren Ganzen finden. Kein Wunder also, dass er leichthändig so unterschiedliche Magazine wie den Architectural Digest, die Financial Times, den Playboy, das Gourmet und den Rolling Stone bespielt; sie alle schwärmen von seinen Ideen. Die Detailgenauigkeit und stilvolle Verschlungenheit seiner Motive lädt zum Spurenlesen ein. Doch nie scheint der Betrachter dabei an ein Ziel zu gelangen. Als träumten sich die Bilder über jede Deutung hinaus fort in eine zweite, dritte oder vierte Wirklichkeit, scheinen sie dem Betrachter immer ein Geheimnis voraus zu sein.

Von nicht minder bannender Zauberkraft sind die pastellfarbenen Mode-Zeichnungen des Wahl-New Yorker EDUARD ERLIKH. Erstaunlich, wie er mit einem schlichten Pinselstrich, einer angedeuteten Linie oder einer leicht verwischten Kolorierung bestechend schöne Augenblicksmomente weiblicher Schönheit kreiert. Atem raubende Grazie, hohe Eleganz oder verführerische Laszivität - seine Modelle benötigen keine Gesichter, um individuell zu wirken. Die Körperlinie allein schenkt ihnen Persönlichkeit. Wie so oft evoziert eine kluge Andeutung weit stärkere Gefühle als ein zu eifriger Ausgestaltungswille. Die Zeichnungen sind sehr sinnlich. Man mag den Blick kaum lösen von ihnen.

Eine Sonderstellung nehmen die Arbeiten der in Berlin lebenden Amerikanerin FREDDY REITZ ein. Es sind knallige Blickfänger und kommunikative Provokateure, die den Dialog mit dem Betrachter suchen und ihn in ein Vexierspiel der symbolischen, bildlichen und schriftlichen Repräsentation hineinziehen. Zeitungsfragmente bilden den Untergrund der zweiteiligen Werke, auf die kräftige Farben aufgetragen werden. Zu den wieder kehrenden Motiven von Reiz gehören die US-Flagge, die Berliner Mauer oder eine Ketchupflasche. "You are leaving the American sector" steht auf einem Bild der Serie "Crazy Ketchup". Provokanter kann man nicht auf Andy Warhol und Pop Art verweisen.

[ART-STRECKENTEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2010]