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WERNER HERZOG / BILDER AUS EINER ANDEREN WELT

Der Filmregisseur Werner Herzog - das mag erstaunen - gehört in den USA zu den bekanntesten und beliebtesten Deutschen. In seiner Heimat hingegen spaltet sich das Publikum in zwei Lager: In wieder Begeisterte und immer noch Begeisterte. Es gab eine Zeit, in der die einen mit den anderen nichts zu tun haben wollten. Sie glaubten, in Werner Herzog nur den zweitbesten aller begnadeten Selbstdarsteller - gleich hinter dem megalomanischen Klaus Kinski - erkennen zu müssen. Diese Zeit ist vorüber. Und so genießt Werner Herzog auch in Deutschland nunmehr einhellige Zustimmung. Seine Filme werden mit großem Interesse verfolgt. Aus den insgesamt fünf Filmen, die Herzog mit Klaus Kinski in den 70er und 80er Jahren drehte, haben wir eine Serie von 16 Filmstills ausgewählt, die nicht nur einen Einblick in die Vielfalt des Herzogschen Filmwerks zeigen, sondern auch einen prägnanten Eindruck von dessen genuinen Bildideen vermitteln. "Aguierre, der Zorn Gottes", "Fitzcarraldo", "Cobra Verde", "Nosferatu" und "Woyzeck" zählen zu den wichtigsten und bedeutendsten Spielfilmen im Oeuvre Herzogs.

Die Erfahrungen mit dem Exzentriker und Enfant Terrible des deutschen Films, Klaus Kinski, insbesondere während des Drehs von Fitzcarraldo, besaßen für Herzog einen ganz eigenen Wert und animierten den Regisseur schließlich, zwei Jahrzehnte später, zu einem Dokumentarfilm mit dem sprechenden Titel: "Mein liebster Feind". Der Film ist ein erschütternder Blick und Einblick hinter die Kulissen. Er zeigt die Anstrengungen am Set in Peru und hält manchen, möglicherweise genial getimten Wutausbruch Kinskis fest. Mit Klaus Kinski zu arbeiten, das bedeute nicht selten eine totale physische Verausgabung wie auch eine durchgehend psychische Gefangennahme. Die Launen des Künstlers standen seiner exorbitanten Schauspielkunst in nichts nach. Nichts verdeutlicht die gespannte Situation damals besser als jene Szene, in der sich die von Kinskis Gebaren irritierten Indios und einheimischen Komparsen bereitwillig anboten, das tobende Weißhaar, wenn nötig, mit Gewalt aus dem Weg zu räumen. Die Filmbilder des schließlich doch vollendeten Films rechtfertigten die Anstrengungen und das Durchhaltevermögen aller Beteiligten, einschließlich Klaus Kinskis. Sie gehören zum Eindrucksvollsten und Wundersamsten, das die Filmgeschichte aufzubieten hat.

Es ist ein zweifaches Faszinosum, das ungebrochen von Herzogs Spielfilmen ausgeht. Einerseits staunt man über die grandiose Umsetzung von schier unglaublichen und hochfliegenden Vorstellungen, Geschichten und Träumen in filmische Realität. Und andererseits spricht einen das Narrative selbst an - die Handlung und die Art, wie der Stoff in Bilder übersetzt wird. Allein der Gedanke an den logistischen Aufwand von "Fitzcarraldo", ein tonnenschweres Dampfschiff über einen wild bewachsenen Urwaldhügel zu hieven, bewirkt ein sofortiges Aufschießen der eindrucksvollen Bilder um diese Geschichte des wahnhaft von der Idee besessenen Opernliebhabers Brian Sweeney Fitzgerald, mitten im peruanischen Dschungel ein Opernhaus errichten zu wollen. Klaus Kinski, der, was heute kaum mehr vorstellbar erscheint, zunächst gar nicht vorgesehen war für die Rolle, verkörperte diesen Fitzcarraldo, wie er von den Indios genannt wurde, wie kein anderer. Sein lodernd blondes Haar und seine blitzend blauen Augen bildeten das kultur-messianische Sendungsbewusstsein des in weiße Anzüge gekleideten Europäers perfekt ab. Hinzu kam Kinskis Stimme, die ruhig und sanft wie ein Strom dahin fließen konnte, um sich im nächsten Augenblick in einen reißenden Wasserfall zu verwandeln.

Bereits in "Aguirre, der Zorn Gottes" funktionierte diese Mischung aus sphärischer Gestalt und überkochendem Temperament, wenngleich die nebelhafte Atmosphäre des Films und die unheimlichen Stille der Bergwälder und des Dschungelflusses ihr übriges taten. Kinski als Nosferatu wiederum glich dem Vorbild der Verfilmung von F. W. Murnau. Nicht so sehr der körperliche Schrecken des Vampirs stand im Vordergrund des Films als die Einsamkeit und Melancholie einer verlorenen Seele, die Erlösung sucht.

Es ist etwas in und an diesen Filmen, das unentwegt und wie von selbst hervorzuströmen scheint und auf einnehmende Weise zum Nachdenken animiert, ob diese Filmbilder wirklich aus unserer Welt stammen oder nicht doch aus einer ganz anderen, noch völlig unbekannten, nie zuvor gesehenen Sphäre des Menschlichen. Sie gehören, obwohl fest im kollektiven Gedächtnis verankert, zu den schönsten aller sichtbar gewordenen Phantomen, die die Filmgeschichte je auf ihren Streifzügen durch die Welt der Sehnsüchte und großen Gefühle getroffen und für die Dauer einer Spielfilmlänge auf Zelluloid gebannt hat.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2010]