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EINBLICKE - AUSSICHTEN / STRECKENTEXT ARCHITEKTUR

Der fotografische Blick auf die Städte der Welt verwandelt bekannte Architekturen in eindrucksvolle Bildlandschaften. Stilistische Reduktionen, digitale Verwischungen, ungewöhnliche Perspektiven und bewusst eingesetzte Unschärfen verleihen Gebäuden und Skylines neue Gesichter und stellen Bezüge zum umgebenden Raum her. Im Bild tritt etwas zu Tage, das dem Auge in der Realität verborgen bleibt. Die bildnerische Gestaltung hebt ganze Städte aus dem Dunkel des Alltags und stellt ihre Gebäude ins Licht neuer Blickachsen.

New York, Paris, Berlin, Stuttgart, das Ruhrgebiet - die Liste der von SABINE WILD ins Visier genommenen Städte wächst und wächst. Mit Shanghai und einigen Länder-Pavillons der EXPO 2010 kommt nun der expandierende Ferne Osten hinzu. Shanghais Skyline wächst machtvoll in den Himmel. Wo die Luft bereits dünn zu werden scheint, verblassen auch die Farben. Ein Bild von Sabine Wild wäre nicht es selbst, wenn es hinter dem eindrucksvoll signifikanten Bildstil nicht immer etwas Überraschendes zu entdecken gäbe. Hier erstaunt die sehr unterschiedliche Dosierung von Farbelementen. Werden einige Motive regelrecht von einer verschwenderischen Fülle kirschblütenroter Farbe überschwemmt, wirken andere wie von einem grausilbrigem Firnis überzogen. Der typische Bildstil von Sabine Wild, dieses fein ausdifferenzierte Flirren und optische Vibrieren des urbanen Bildraums, wird begleitet von dunklen, flächigen Materialzonen am Boden und hellen, überstrahlten Flächen in der Höhe. Es ist das alte und das neue Shanghai, das in dieser nuancierten Dualität der Farbsättigung in den Bildern kongenial zum Ausdruck kommt.

Auch der Architekturfotograf H.G. ESCH geht gekonnt zu Werke. Er blickt von ausgewählten Standpunkten aus mit einem Objektiv großer Brennweite mitten hinein in die Zentren der Stadt. Durch die perspektivische Verkürzung der Raumtiefe wirken die gestaffelt im Raum stehenden Gebäude flächig und wie auf einer Linie angeordnet. Sie werden zu einer gigantischen Wohn- und Bürowand, deren leuchtende Fensterbänder an lichte Honigwaben erinnern. In der Horizontalen wird das Flächenraster durch geschwungene Linien leicht gebrochen. Der Effekt mutet irreal an, als seien die Gebäude nacheinander ins Bild montiert, was sie nicht sind. Alles ist so, wie es die Kamera eingefangen hat. Der fotografische Blick ist hier sowohl ästhetisierender, als auch veranschaulichender Art. Die enorme Verdichtung von urbanem Lebensraum in der Horizontalen und Senkrechten, der Verlust von Orientierung im Raum werden auf ästhetische Weise sinnfällig.

Eine besondere Form architektonischer Sichtbarkeit bieten die Panografien von MAREEN FISCHINGER. Es sind fotografische Mosaikbilder, in denen aus vielen miteinander kombinierten Einzelperspektiven eine panoptische Darstellung eines Gebäudes oder eines Ortes entstehen. Die Besonderheit dabei ist, dass alle Einzelperspektiven des Bildes von einem einzigen Standpunkt aus aufgenommen sind. Dem Betrachter öffnet sich somit ein simultaner Rundblick durch das Gebäude. Er kann jeden Raum, jeden Winkel und jede Flucht in kubistischer Gleichzeitigkeit nachvollziehen. Die Gesamtkomposition stellt eine technisch brillante und sinnlich überraschende Auffaltung des dreidimensionalen Gebäudes im Zweidimensionalen dar. Die Bilder gleichen formschönen Blumenkelchen, deren abgezupfte Blütenblätter durch kunstvolle Neuordnung auf dem Papier ein zuvor verborgenes Inneres preisgeben.

Auf drei fast identisch erscheinenden Arbeiten übt DAVID BURDENY einen Blick ein, der heute kaum noch vorkommt. Die Fotografien zeigen Städte und Orte, die direkt am Wasser liegen. Der Betrachter nähert sich ihnen wie ein zu spät kommender Entdecker über den Seeweg. Die Silhouette der jeweiligen Stadt erscheint als dichter, horizontaler Streifen in der Bildmitte. Wasser und Himmel, die bewusst nicht durchgezeichnet sind, umrahmen die Stadtansicht wie ein Passepartout. An der formalen Darstellungsweise zeigt sich einmal mehr Burdenys Vorliebe für abstrakte Kompositionen. Auf den ersten Blick wirken die Skylines ähnlich und gleich groß. Doch dann lädt die Serie zum intensiven Vergleichen ein. Jede Stadtansicht offenbart sich als individuelle Typographie aus Gebäuden, Turmspitzen und Leerstellen des bebauten Raums. Dubai, Venedig und die grönländische Siedlung UUmmannaq können wie ein architektonischer Schriftzug der Besiedelung förmlich Gebäude für Gebäude gelesen und miteinander verglichen werden.

[ART-STRECKENTEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / HERBST 2010]