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STRECKENTEXT PORTRÄT

Ein gutes Porträt lässt die künstliche Aufnahmesituation völlig vergessen. Es zeigt eine Wirklichkeit, die durch nichts als durch den zu porträtierenden Menschen bestimmt ist. Alles arbeitet dessen wesenhaftem Ausdruck im Bild zu, durchaus auch inszenatorisch. Um ein außergewöhnliches Bild von jemandem zu bekommen, muss sich der Fotograf im Grunde selbst unsichtbar machen. Dies vor allem dann, wenn er den Porträtierten unverstellt zeigen möchte.

Auf beeindruckende Weise gelingt dies der kanadischen Fotografin Beverly Abramson, besser bekannt unter dem Kürzel BEV. In ihren Bildern ist das Klicken des Verschlusses nahezu unhörbar, die Kamera scheint eine natürliche Verlängerung ihrer Augen zu sein. Hinter den Kulissen, in den Garderoben und Schminkräumen eines Tanztheaters fotografierte sie Ballerinen und Revuegirls im Moment des An- und Umkleidens. In der sehr intimen, angespannten, manchmal auch hektischen Atmosphäre blieben die Mädchen sie selbst. Es sind vor allem ihre kleinen unscheinbaren Gesten wie das beiläufige Reichen eines Lippenstiftes, oder ein ins Leere gehender Blick, in denen sich ihr Wesen, die Stimmung und der Arbeitsalltag offenbaren. Die Fotografin verdichtet diese Gesten zu erstaunlich komplexen Bilderzählungen. Kompositorisch sehr gekonnt, erzählen die Bilder von seltenen Augenblicken stiller Schönheit und Grazie.

Der Unterschied zwischen Celebrity und Fangemeinde, zwischen großer Bühne und wahrem Leben ist oft kleiner, als man denkt. Dies jedenfalls lässt sich an den Bildern des ehemaligen Rockfotografen und Mitbegründers des Musikmagazins Rolling Stone, BARON WOLMAN , ablesen. Wenn die Intimität bedroht ist, helfen nur noch Gelassenheit oder einstudierte Posen. Wolman kombiniert beide in seinen Bildern, die zu legendären Musiker-Porträts der 60er und 70er Jahre wurden. The Rolling Stones, Janis Joplin, Frank Zappa, The Who, Jimi Hendrix, The Grateful Dead - er hat sie alle fotografiert. Auf der Bühne, im Studio, im Freien und im Privaten. Er hat "die Musik gesehen", sagte er einmal, um deutlich zu machen, welchen Ursprungs seine Bilder sind. Er fühlte sich als Chamäleon, das sich bedingungslos in eine Situation hineinfallen ließ, um sie absolut zu genießen, aber nicht bestimmen zu wollen.

Visuelle Manipulation als Ausdruck komplexer Innerlichkeit findet sich in den Arbeiten von ANNA HALM SCHUDEL. In ihren großformatigen Porträts entpuppt sich die grobe Pixelung des Konterfeis bei genauerem Hinsehen als feinster Mikrokosmos. Ihrer Porträts bestehen aus 1cm großen Kleinstporträts vieler anderer Menschen, die sie mosaikartig zur eigentlichen Person zusammensetzt. Das Material für ihre Porträts findet sie im World Wide Web. Sie bearbeitet es digital und setzt so das Gesamtporträt Bild für Bild zusammen. Als besondere biographische Spur, quasi als persönlichen Fingerabdruck, schmuggelt sie ihr eigenes Gesicht unter die vielen Mosaikbildchen.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / FRÜHJAHR 2010]