INTRO
CV
BIBLIOGRAPHIE
SERIES

STILL ALIVE / STRECKENTEXT LANDSCHAFT

Es gibt sie noch: die fernen Landschaften. Gegenden, in die die Sehnsucht streift, um sich des Traumverlorenen und Erhabenen der Natur zu vergewissern. Sie breiten sich nicht mehr gleich vor den eigenen Füßen aus. Die Anreise ist manchmal weit, wenn auch vergleichsweise bequem und kaum von großem Zeitaufwand. Manche dieser Landschaften sind vom Verschwinden bedroht. An den Polen schmelzen sie förmlich dahin. Projektionsschirme der Sehnsucht bleiben sie dennoch. In der Fotografie laden sie sich auf mit Emotionen und geben überraschende Ansichten frei auf scheinbar längst Bekanntes. Es kommt auf die Perspektive an, auf die Lichtführung, das Detail im Ganzen - kurz: auf den sorgfältig herausgearbeiteten Stimmungsmoment vor Ort. Ein herausragendes Landschaftsbild fällt nicht einfach so vom Himmel - auch wenn es im Ergebnis oft so scheint.

Sehr sorgfältig wählen HORST & DANIEL ZIELSKE ihre Sujets aus. Nachdem sie der Deutschen Romantik bereits eine Bilderserie widmeten, folgten sie nun der Reiseroute des großen englischen Landschaftsmalers William Turner. Sie suchten jene Orte auf, an denen Turner seine Motive fand. Was Vater und Sohn dort entdeckten, entsprach nicht immer dem, was sie erwarteten. Zeit und technischer Fortschritt hinterließen ihre Spuren. Und so entwickelten sie ihre eigene und sehr klare Bildsprache, um die teils analogen, teils digital bearbeiteten Farbfotografien gewollt in Kontrast zu Turners Originalen zu setzen.

Einer anderen Spur ging ANDRÉ WAGNER nach. In seinen von betörender Licht- und Farbregie dominierten und wie malerisch aufbereitet wirkenden Bildern Neuseelands treffen die Urkräfte der Natur auf ein lupenreines Objektiv mit großer Zauberkraft. Licht ist für den ursprünglich von der Malerei kommenden Wagner - wie in der Bedeutung des Wortes "Photographie" - ein Zeichenmittel. Seine Farbpalette findet er direkt in der Natur vor. Insbesondere seine vor Sinnlichkeit und suggestiver Farbkraft glimmenden Nachtaufnahmen erstaunen. Sind sie doch wie alle seine Bilder in keiner Weise nachbearbeitet oder retuschiert. Die Intensität der Natur in Wagners Bildern wirkt geradezu hypnotisierend.

Ganz anders, aber ebenso überwältigend, sind die Arbeiten des Fotografen und Polarforschers JEAN DE POMEREU. Bei aller stillen weißlichen Schönheit und helllichten Strahlkraft der Antarktis meint man aus ihnen zugleich einen stummen Schrei zu hören. Wenn man sich die Bilder der Serie "Contours of Silence" genau anschaut, spürt man sofort, warum. Die bewusste Reduktion des Bildausschnitts auf eine formschöne Kontur, Silhouette oder ein in sich zurück gezogenes Detail lässt jedes Motiv in dieser einförmigen Weite augenblicklich aufleben. Es scheint, als besäße jeder Eisberg, jede Eisscholle, jeder Riss im Eis seine eigene, verwundbare und doch so widerständige Seele.

Aus Sicht eines passionierten Golfers ist Irland ein ähnlich ergreifender Ort wie die Antarktis für einen Polarforscher. Denn auf einer der 375 Anlagen der grünen Insel zu golfen, ist oft ein Naturerlebnis pur. Als Spieler kämpft man nicht nur gegen das Handicap, sondern gegen Wind, Wetter und das oft rau belassene Gelände. STEFAN VON STENGEL verbindet beides: die Fotografie und die Leidenschaft für den Golfsport. In seinen Bildern verschmelzen natürliche Landschaft und konzise Rasenbahn zu einer visuell stimmigen Einheit. Man weiß nicht, wem oder was man mehr frönen soll: dem Anblick der irischen Hügel oder der virtuellen Einladung zum Golf.

Eine besondere Einladung und Aufforderung zur Landschaftserkundung stellt für WULF WINCKELMANN der Horizont dar. Der Maler und Fotograf versteht ihn nicht als natürliche Grenze, hinter der die Sichtbarkeit endet. Vielmehr wirft der Horizont für ihn die Frage auf, "ob etwas und was jenseits des Sichtbaren wahrgenommen werden kann." So sind seine zunächst aus der Erinnerung gemalten und anschließend abfotografierten und digital nachbearbeiteten Landschaften abstrakte Erkundungen im Reich des visuell Unsichtbaren und Materiellen. Die schrittweise Ablösung vom realen Gegenstand in die Abstraktion bringt ein in der Natur unsichtbar Verborgenes spürbar wieder herauf. Das Ergebnis lädt zur Kontemplation ein.

Manchmal genügt bereits ein mutiger Wechsel der Perspektive, um Alltägliches neu und überraschend erscheinen zu lassen. So wählten OLIVER KRÖNING & DENIS OREL für ihre preisgekrönte Strandbilder-Serie "El Arenal" eine extreme Vogelperspektive, um den berüchtigten Urlaubsstrand von Mallorca ins Bild zu setzen. Die Menschen auf ihren Bildern bevölkern in unterschiedlich großen Terrains das Strandareal und bilden farbliche Sprenkel in loser Ordnung, das Meer selbst bleibt ausgespart. Der Strand, auf dem die Urlauber in der Sonne baden, verwandelt sich in ironischer Größenverkehrung selbst in ein ausgebreitetes Handtuch. Die Bilder sind stark aufgehellt, so dass der Strand fast weiß erscheint - so hell, wie kaum eine von der Sonne verwöhnte Haut dort unten.

[ART-TEXT FÜR LUMAS / MAGALOG MEDIEN / FRÜHJAHR 2010]