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DIE LETZTE VORSTELLUNG / PETER BOGDANOVICH

"Sam the Lion is dead!"

Im Jahr 1951 gibt es nicht viel zu entdecken in Anarene, einem staubigen, windigen Kaff irgendwo in Texas: Ein altes Kino, das "Royal", am Ende der Hauptstraße, unweit davon Sam`s Spielsalon mit zwei Billardtischen, dann noch der kleine Diner von Genevieve mit der Musicbox in der Ecke. Das war`s. Wenn nicht jeder dort noch einen Pick-up mit Radio besäße oder einen Fernseher zu Hause, niemand würde bemerken, wenn in Anarene die Zeit wirklich einmal stehen bliebe.

Kein vielversprechender Ort, wenn man jung ist und das Leben vor einem liegt. Der melancholische Sonny (Timothy Bottoms), der sportliche Duane (Jeff Bridges) und die schöne Jacy (Cybill Shepherd) bekommen das zu spüren. Sie sind dabei, ihren Schulabschluß zu machen, aber das zählt in Anarene nicht viel. Wichtiger ist, ob die Footballmannschaft des Abschlußjahrgangs gewonnen hat. Die Erwachsenen gucken die Jungen an, als seien sie Verbrecher, nur weil das letzte Spiel in die Hose ging. Allein das Kino bietet den Jugendlichen einen privaten Rückzugsraum. Dort treffen sie sich, um zu knutschen und in der hintersten Reihe ein bißchen rumzufummeln. Vergessen ist die öde Welt um sie herum.

Die drei jugendlichen Protagonisten aus "Die letzte Vorstellung", Bogdanovichs zweiter großen Regiearbeit aus dem Jahr 1971, für die er von der Kritik viel Lob einheimste, stehen vor einem Dilemma. Sie sind jung, ihr Herz ist unschuldig, und doch ist ihre Zukunft längst vorgezeichnet. Bogdanovich zeigt ihr eintöniges Leben in harten, fast rußigen Schwarzweiß-Bildern - eine bewußte Materialwahl gegen den damaligen Trend zum farbigen, kameratechnisch aufwendigen Stil des neuen amerikanischen Films - aufgewogen nur vom weiten Himmel über Anarene, der als gleißender Lichtkokon die Szenen umfaßt.

Es ist ein Film der 70er Jahre, der bis ins Detail die Welt der 50er rekonstruiert. Aber nicht nur das, er zeigt diese vergangene Welt auch wie zu jener Zeit: in langen, ruhigen Einstellungen, selten dynamisiert durch eine Kamerafahrt oder eine hektische Schnittfolge. Es ist eine reduzierte Kameraführung, basierend auf einfachen Stilmitteln. Es kommen nur wenige, jedoch bewußt gesetzte Großaufnahmen vor. Totalen bestimmen das Bild, typisch für den Western und die Suche nach dem großen, alles rettenden Himmel. Bogdanovich huldigt seinen Vorbildern: Hawks und Ford, aber auch Hitchcock, denn jedem Element des Films kommt eine Bedeutung zu, nichts geschieht zufällig. Die Country- und Folksongs von Eddie Arnold, Hank Williams und Tony Bennett, die annähernd den ganzen Film über aus den Auto- oder Hausradios plärren und die Protagonisten auf ihren Wegen durch den Ort begleiten, wirken wie ein verunglipftes Wiegenlied auf die Tristesse und Einöde, in der Anarene gefangen liegt. Die Zeit ist aufgehoben. Es ist, als setzte sich das Leben der Protagonisten nur alle drei Wochen fort und in der Zwischenzeit geschähe nichts.

Sonny fängt ein Verhältnis mit Ruth (Cloris Leachman) an, der verhärmten einsamen Frau des Sportlehrers. Eine Verführungsszene ohne Verführung, die Bogdanovich auf sehr eindringliche Weise inszeniert. Sie gehen ins eheliche Schlafzimmer, entkleiden sich jeder für sich in einer Ecke, ängstlich, schamhaft, voneinander abgewendet, als teilten sie eine öffentliche Umkleidekabine. Dann steigen sie ins Bett und schlafen miteinander, ohne daß sie die Welt um sich herum ausblenden könnten. Im Knarren und Quietschen des Bettgestells geht der traurige Versuch einer Nähe unter.

Ein einziger in dem Ort scheint im Leben angekommen zu sein: Sam, der Löwe (Ben Johnson). Er betreibt das Kino und den Spielsalon und ist der moralische Mentor der Jungen, vor allem für Sonny. Sams Lebensphilosophie stammt aus einer Zeit, in der Ideale noch etwas galten. Er ist ein Cowboy des alten Westens, der überdauert hat. Nicht umsonst besetzte Bogdanovich die Rolle mit einem früheren Westerndarsteller. Einmal steckt Sam Sonny und Duane für einen Trip nach Mexiko ein paar Dollar zu. Als die zwei zurückkehren, erfahren sie, daß Sam verstorben ist. Herzschlag, mitten im Leben. Die Zukunft scheint für die Jugendlichen endgültig verloren. Einmal noch gehen sie ins Kino. Es läuft die letzte Vorstellung, das Royal - vom Fernsehen verdrängt - muß schließen. Sie sehen "Red River" von Hawks. Cowboys wollen eine Viehherde nach Montana treiben, John Wayne ruft zum Aufbruch, die anderen stimmen jubelnd ein. Dann ist die letzte Vorstellung zu Ende. Bogdanovich erfand das Ende einfach neu.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]