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TANZ DER VAMPIRE / ROMAN POLANSKI

"There we were, gathered together, gloomy and despondent, around a single meager woodcutter."

Als der ausführende Produzent, Martin Ransohoff von MGM, die von Polanski fertig geschnittene Fassung von "Dance of the Vampires" sah, ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, dass er eigentlich einen anderen Film wollte. Regisseur Polanski ließ seinerseits nicht locker, und so einigten sich beide Parteien auf einen Kompromiss. Die offizielle Fassung, die überall in der Welt bis auf Großbritannien startete, wurde um 16 Minuten gekürzt. Die wunderbar slawisch, deutsch und jüdisch eingefärbten Dialekte wurden nachsynchronisiert, der Film erhielt einen neuen Verleihtitel und wurde mit einem kitschig animierten Vorspann herausgebracht. Nur in England wurde das Original gezeigt.

Leider verschwand so mancher subtile Witz. Wer in deutschen Kinos begriff noch jene Szene, in der der gerade zum Vampir gewordene, jüdische Tavernenvater "Shagal" (Alfie Baß) auf einem seiner hutzeligen, quirligen Streifzüge sein Opfer nur mitleidig anlächelt, weil dieses ihm ein heilandgeschmücktes Kruzifix entgegenhält: "Das hilft doch nur bei alten Vampiren", sagt er sinnverzerrt in der deutschen Fassung. Im Original mit jiddischem Akzent hieß es noch: "Boy have you got the wrong vampire!".

Auf die komischen Nuancen und subtilen Feinheiten kommt es. "Tanz der Vampire" ist ein Film, der sich frech in die fest umrissenen Gefilde des klassischen Dracula-Genres hineinwagt, um die dort geltenden Regeln samt bestbekannten Gesten, Symbolen und zähnefletschenden Vampir-Attitüden sowohl zu übernehmen als auch über das Personal und die Handlung komisch zu brechen. Alles wird einem grotesken, aber stilistisch ausgearbeiteten Karneval unterzogen. Die Anspielungen auf große Genrevorläufer, alte Slapstick-Filme, geschichts-politische Situationen und bildende Kunst sind Legion.

In Abwandlung von Murnaus "Nosferatu" (1922) heißt der Herr der Vampire hier "Graf von Krolock" (Ferdy Mayne), und wenn der Pferdeschlitten des Professor Ambronsius (Jack MacGowran) und des Gehilfen Alfreds (Roman Polanski) auf Serpentinen schlingernd und tricktechnisch beschleunigt durch eingeschneite Kaparten-Landschaften rauscht, erkennt man unmittelbar Murnaus Vorlage mit dem düsteren Vierergespann des Grafen darin wieder. In jeder Szene herrscht doppeldeutige Komik, ohne dass der Kitzel des Horrors darüber verloren ginge. Landschaften, Licht und Bilddramaturgie arbeiten der eigenwilligen Stimmung zu. Eine stilistische Melange von Hohem und Profanem durchzieht den Film.

Der positivistische Vampirjäger und schusselige Professor Abronsius ist ein Zwillingsbruder Albert Einsteins, und wie dieser lässt er einmal seine Zunge weit heraushängen, da er - und damit sein Wissenschaftsglaube - in einem offenen Gruftfenster festsitzen und weder vor, noch zurück können. Dabei sind Professor und Gehilfe dem Ziel just extraordinär nahe, denn die herrschaftlichen Vampire, "Ihre beflissene Exzellenz" und sein homosexueller Sohn, schlafen in ihren Särgen und erwarten genregerecht den tödlichen Stoss mit dem Holzpfahl. Nur leider hat Alfred - wunderbar still und widerspenstig von Polanski gespielt - nicht den draufgängerischen Mumm, den Schlag durchzuführen.

Wie in jeder Dracula-Verfilmung geht es auch in dieser Groteske vordergründig um die Erlösung der Jungfrau. Sie heißt nicht zufällig Sarah (Sharon Tate) und ist die Tochter von Shagal. Der Graf besucht sie im Bad, küsst sie innig und nimmt sie mit auf sein Schloss. Die Spinnweben hängen dort so zäh wie Kaugummi. Eine fratzenhafte Ahnengalerie im Stile Goyas säumt den Hauptgang. Dann mit einem Mal steigen die ausgetrockneten Ahnen aus den Gräbern und finden sich zum großen barocken Ball ein, zu dem der Schlossherr ein großes blutiges Bankett der Allgemeinheit schenken möchte.

Natürlich gelingen den zwei Vampirjägern nach etlichen Slapstickeinlagen der Konterraub und die Flucht samt Jungfrau. Polanski bewahrt sich den am weitesten reichenden Schrecken für das Ende auf, denn fast lieblich im Schlitten in die Mond-Nacht flüchtend, wachsen der sanften Sarah, die in den Happy-End-Armen Alfreds liegt, plötzlich zwei hässliche Fangzähne. Der gutmütige Professor trägt das, was er glaubte, besiegt zu haben, in die Welt hinaus.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2004]