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ROCKY / SYLVESTER STALLONE

"Du hast nur diese eine Chance!"

Philadelphia, Dezember 1975. Kurz nach vier Uhr morgens. Kontinentaler Winter. Allgemeine Depression. Die Stadt liegt im elektrischen Halblicht und schläft. Kein Hund wagt sich auf die Straße. Es ist naßkalt. Der Zeitungslieferant in seinem Kombi braust durch das Bankenviertel und liefert Zeitungen aus. Hinter ihm kreuzt "Rocky" auf. Rocky ist ein bulliger Typ mit breitem, etwas hängendem Gesicht. Er joggt durch die Stadt, sein Atem schlägt weiß in die Luft. Er trägt einen ausgebeulten Jogginganzug, eine Wollmütze und reichlich durchgelatschte Converse. So sieht einer aus, der von ganz unten kommt. Er läuft und reckt wuchtig seine Arme in die Dezemberluft. Rocky, der erfolglose Boxer aus dem italienischen Viertel, der vom Boxen allein nicht leben kann und deshalb für einen mittelprächtigen Mafioso Geld eintreiben geht. Der Weg führt ihn hoch zum Parthenon ähnlichen Kunstmuseum der Stadt, über die breite Treppenanlage hinauf auf das heroische Plateau mit Blick über die Stadt. Er boxt, während er läuft, und er läuft, während er Schatten boxt. Es ist Rockys erster Trainingstag, und er endet mit Seitenstichen. Aber darauf kommt es nicht an, nur darauf, den ersten Schritt zu tun, den inneren Schweinehund zu überwinden, dann schafft man alles.

Genau sechs Wochen hat Rocky Zeit, sich auf Vordermann zu bringen, dann soll er, der drittklassige "Italienische Hengst" gegen "Apollo Creed", den gewitzten, austrainierten Weltmeister im Schwergewicht, in den Ring steigen. Was Rocky nicht weiß, der Wettkampf ist ein verkappter Schaukampf zum 200sten Geburtstag der Nation, eine Show für den Weltmeister unter dem Leitmotiv: Schwarzer Box-Champion gibt weißem Nachfahren des Amerika-Entdeckers die größte Chance seines Lebens. In Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, kann es jeder schaffen, lautet die Botschaft. Was Apollo nicht weiß, Rocky nimmt den Kampf ernster, als es dem Champion lieb sein kann. Rocky hat was auf dem Kasten. Über 15 harte Runden wird der Kampf gehen. Und in einem Ring, insbesondere in einem Ring im Film, wird jede Faust, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß, zum wummernden Dampfhammer. Rocky, der Typ von nebenan, der bislang keine Chance im Leben hatte, der zu gutmütig ist, den Geldsäumigen die Daumen zu brechen, der sich als einziger im Viertel für die schüchterne, unscheinbare "Adrian" interessiert, dieser bärengute Typ zeigt allen, daß man kein Champion sein muß, um zu sich selbst zu finden. "Es gibt keine Revanche" stammelt der ausgepowerte Apollo am Ende. Die will Rocky, die Augen selbst dick und blutig geschlagen, auch gar nicht. Er will nur zu seiner großen Liebe. Wie der geblendete Samson schreit er ihren Namen durch die Arena: "Adrian!". Sie quetscht sich durch das Gewühl. Was dann passiert, gab es in keinem Film zuvor: Eine Frau steigt in den Ring und küßt innig den verschwitzten Verlierer.

In Hollywood hatte niemand an einen Erfolg von "Rocky" gedacht. Im Gegenteil. Der Film wurde als B-Movie konzipiert mit 1 Million Dollar Produktionskosten. Nur der Autor der Geschichte selbst glaubte fest an die Story vom kleinen Mann, der es zu Großem bringt: Sylvester Stallone. Rockys Geschichte wurde zu Stallones Geschichte, und Stallones Durchsetzungswille spiegelte sich in Rockys Stehvermögen wider. Stallone hatte sich die Rolle auf den Leib geschrieben, deshalb wollte er auch nicht, daß sie Paul Newman oder Burt Reynolds bekäme. Er verzichtete auf jede Gage und handelte eine Gewinnbeteiligung von 10 Prozent aus. Der Film wurde ein Knaller. Nach vier Monaten hatte er 28 Millionen Dollar eingespielt, am Ende waren es weit über 140 Millionen. Es gab drei Oscars. Stallone und der Nachwuchs-Regisseur John G. Avildsen standen mit einem Mal ganz oben.

"Manchmal ist die Wirklichkeit noch verrückter als Scheiße" sagt ein Mafioso in Sergio Leones "Once Upon a Time in America" (1984), dem Film über den Amerikanischen Traum schlechthin. "Rocky" schlug ein, und Sylvester Stallone demonstrierte der Welt, daß es wieder Zeit war, an den alten Traum vom individuellen Aufstieg zu glauben. Weil die Börse für die Sieger in und außerhalb des Ringspektakels sehr gut war, ließ man "Rocky" prompt vier weitere Male in den Filmring steigen. Rocky, "The Italien Stallion" aus dem Armenviertel Philadelphias wurde zur Kultfigur.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]