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ROCCO UND SEINE BRÜDER / LUCHINO VISCONTI

"So hell wie am Tag"

"Rocco e i suoi fratelli" bilden den zweiten Teil einer Trilogie, mit der Luchino Visconti eine großangelegte Beschreibung des italienischen Südens im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne vornahm. Zu der Trilogie gehören noch "La Terra Trema" (Die Erde bebt, 1948) und "Il Gattopardo" (Der Leopard, 1963), zwei Filme, deren stilistische Gestaltung sich bereits in der Wahl des Bildmaterials unterscheidet. "Il Gattopardo" schwelgt in grandiosen, aristokratischen Farben, während "La Terra Trema" und "Rocco e i suoi fratelli" im nüchternen, dokumentarischen Schwarz-Weiß des Neorealismus gehalten sind.

Bereits die Anfangsszene von "Rocco e i suoi fratelli" eröffnet auf meisterhafte Weise das Thema des dreistündigen Filmepos. Sie zeigt nicht nur die missglückte Ankunft einer armen süditalienischen Großfamilie in Mailand, sondern hebt sogleich einen Einzelnen dieser Familie hervor und weist ihm eine besondere Rolle zu: Als zweitältester Sohn wird Simone (Renato Salvatori) von Mutter Rosaria Parondi (Katina Paxinou), einer gleichermaßen energischen wie gefühlsbetonten Witwe, dazu angehalten, auf dem Bahnsteig nach Vincenzo (Spiros Focas), dem ältesten und bereits in Mailand lebenden Sohn, zu suchen. Vincenzo sollte die Familie vom Zug abholen, aber er ist nirgends zu sehen. Mutig entfernt sich Simone einige Schritte vom Tross der Familie, dann sieht man ihn, wie er wie ein Verirrter in einen wallenden Nebel tritt. Für einen Augenblick lösen sich seine Konturen auf. Dann kehrt er, ohne etwas erreicht zu haben, zurück.

Es sind nur kurze, kleine Schritte ins Unbekannte, in eine unsichere Zukunft, die Simone macht, doch als Filmbild werden sie zu bedeutungsaufgeladenen Schritten mit einer ungeheuren Strahlkraft auf die gesamte Handlung. Visconti gestaltete die Anfangsszene emblematisch, in vorausdeutenden Bildern. Man entdeckt in ihnen - rückblickend - sofort die sich über fünf Jahre erstreckende Geschichte Simones und der Familie Parondi in Mailand wieder, das individuelle Scheitern Simones an den Bedingungen des modernen Lebens, eingefasst in den allmählichen Auflösungsprozess einer sechsköpfigen Familie, die aus dem ländlichen Süden in den industriellen, großstädtischen Norden Italiens zieht, um ihr Glück zu suchen.

Simone wird Boxer, er hat Talent, aber sein Hang zum Müßiggang treibt ihn in die Arme der schönen Nadia (Annie Girardot), einer Prostituierten, deren Attraktivität und aufregendem Lebenswandel er verfällt. Er wird zum Gelegenheitsdieb, vernachlässigt seine Boxerkarriere und verfällt moralisch, bis er sogar zum Vergewaltiger und Mörder wird. Rocco (Alain Delon), sein jüngerer Bruder, versucht Simones Untergang aufzuhalten, doch verirrt er sich in einem Märtyrertum rückhaltlosen Selbstaufopferns und wird schließlich zu dem, was er nie sein wollte: Boxer, und sogar einer mit großem Erfolg. Über seine selbstlose Haltung verliert Rocco jedoch nicht nur Simone, sondern auch die Frau, die er liebt: Nadia.

Visconti inszenierte die Geschichte der Familie Parondi ohne Rücksicht auf vorgeschobene Moral und Pietät. Es sind schonungslose, wenngleich sorgfältig ausgesuchte Filmbilder, die in der Manier des Neorealismus nichts beschönigen oder zu verschleiern suchen, sondern vielmehr auf der Suche nach einem unmittelbaren Abbild der Wirklichkeit sind. Er schuf einen existentialistischen Film, der jede Form der gesellschaftlichen Bagatellisierung hinter einer sowohl ästhetischen als auch materialistisch durchdachten Beschreibung des Lebens in der Mailänder Vorstadt in den 50er Jahren zurückwies. Immer wieder werden die Figuren vor der tristen Industrie- und Vorstadtarchitektur in Szene gesetzt oder orientierungslos durch den städtischen Raum getrieben. Ein Großteil der Handlung spielt im Boxermilieu. Der Boxkampf selbst wird zur Metapher der existentiellen Grundsituation des Individuums im Kapitalismus beziehungsweise zum Sinnbild seines charakterlichen Verfalls oder gesellschaftlichen Aufstiegs.

Lange Zeit wurde der Film nur in einer verstümmelten Fassung gezeigt. Die Szenen, in denen Simone rasend vor Eifersucht zuerst Nadia vergewaltigt und dann noch seinen Bruder Rocco brutal zusammen schlägt, fielen wie die finale Mordsequenz am Fluss, in der Nadia durch etliche Messerstiche niedergestreckt wird, der Zensur zum Opfer. Die Eindringlichkeit dieser kompromisslosen, traumatischen Bilder wirkte in ihrer filmischen Gestaltung derart heftig, dass die narrative und ästhetische Konsequenz der Szenen für die Gesamthandlung gar nicht erkannt wurde. Es ist unmöglich, an den Problemen des Individuums im modernen Industriezeitalter einfach vorbeizugucken, gab der Film zu verstehen, selbst wenn die Wirklichkeit oft grausamer ist, als es die Bilder jemals zeigen könnten.

Sowohl Annie Girardot als auch Alain Delon gelang mit "Rocco und seine Brüder" der internationale Durchbruch. Der Film gilt zu Recht als ein Meisterwerk des späten Neorealismus und ging in die Filmgeschichte ein.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2005]