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DIE REIGEPRÜFUNG / MIKE NICHOLS

"Mrs. Robinson - you are trying to seduce me ... aren`t you?"

"Ein Wort nur, Benjamin, nur ein Wort sage ich dir:", raunt der alte Geschäftsfreund der Familie Braddock, Mr. McGuire (Walter Brooke), dem jungen, frischgebackenen College-Absolventen Benjamin auf dessen Party im elterlichen Haus in Beverly Hills bedeutungsschwanger zu. "Plastik!", sagt Mr. McGuire, und Benjamin hat keine Ahnung, wovon der Mann spricht.

"Plastik" gehört die Zukunft, doch das neue Zaubermittel erreicht seinen Adressaten nicht. Benjamin Braddock treiben andere Dinge um als die neuen Geschäftsideen des Vaters und dessen Freunde. Eigentlich weiß niemand so genau, was Benjamin will, am wenigsten er selbst. Zukunft ist für ihn bislang das gewesen, was andere für ihn ausheckten. Die Eltern, das Milieu, die gesellschaftliche Etikette. Er selbst hat keine Idee, nur dass er anders werden will als seine oberflächlichen, gutbetuchten Eltern, darin ist er sich sicher. Auf sein Zimmer geflüchtet, setzt er sich vor sein altes Aquarium, in dem trostlos eine Taucherfigur schwimmt. Dann steht plötzlich Mrs. Robinson (Anne Bancroft) im Zimmer, und von da an ist Bens Zukunft wieder offen.

Es folgt eine der suggestivsten Verführungsszenen Hollywoods. Mrs. Robinson lässt sich von Ben in seinem neuen, kirschroten Alfa-Romeo nach Hause fahren. Sie ist die Frau des besten Geschäftspartners seines Vaters und eine Freundin der Mutter, außerdem eine attraktive Frau Mitte Vierzig. Unter immer neuen Vorwänden lotst sie den naiven Ben bis in ihr Schlafzimmer. Am Ende der Szene steht sie nackt vor ihm und macht ein unmissverständliches Angebot. Ben verlässt panisch das Zimmer, da er Mr. Robinsons (Murray Hamilton) Auto herannahen hört.

Wer Mrs. Robinson auf diese Art begegnet ist, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Nach kaum zwei Tagen geht Ben auf ihr Angebot ein und ruft sie von einem Hotel aus an. Zwei Stunden später liegen sie im Bett. Es ist das erste Mal für Ben, doch von da an vergeht kein Tag, an dem sie sich nicht treffen. In gekonnten Überblendungen zeigt der Film den Ablauf der Tage als ein übergangsloses Wechseln von Hotelzimmer zu Jugendzimmer, von weißem Bett zu schwimmender Luftmatratze. Mrs. Robinson stellt nicht viele Bedingungen, nur die eine: Benjamin soll sich nie mit ihrer Tochter Elaine (Katharine Ross) treffen. Ein Versprechen, das Ben bricht und das folgenschwer endet: In eine Amour Fou, eine romantische Liebe, eine Rebellion, eine Verfolgung und schließlich einen spektakulären Brautraub.

Mike Nichols zweite Regiearbeit mit dem damals aus dem Nichts zum Star avancierten Dustin Hoffman setzt als Komödie ein und endet im Melodram. Es sind die unscheinbaren Übergänge auf Benjamin Braddocks Initiationsweg vom unbedarften College-Absolventen zum selbstbestimmten, jungen Mann, die der Film erfasst und formal gestalterisch umsetzt. Ein Zoom kommt häufig zum Einsatz, wie auch eine fließende, unsichtbar gemachte Überblendungstechnik. Die stilistischen Mittel sind Ausdruck der plötzlichen Übergänge und schleichenden Veränderungen im Leben Benjamins. Die erlebte Zeit wird aufgehoben, Distanzen leichtfüßig überbrückt. Getragen von den unverkennbaren Songs des "Sounds of Silence"-Albums von Simon & Garfunkel entsteht eine filmische Passage, die den Reifeprozeß Benjamins als ein schwebendes Verfahren wachsender Innerlichkeit zeigt.

Es ist kein Zufall, dass regelmäßig Wasserbilder auftauchen: Bilder von Aquarien, vom Pool, subjektive Kameraperspektiven durch Tauchermasken oder Blicke durch halbrunde Kirchenfenster - alle diese Einstellungen betonen die Schwebe, die gebrochene Atmosphäre und den unsicheren Raum, in der Bens Erwachen zum Erwachsenen stattfindet. Darüber hinaus feiert der Film in ausgezeichneter Weise und in präzisen Bildern die kolorierte Oberfläche eines dekadenten Milieus.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2004]