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... DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN / NICHOLAS RAY

"Want my jacket?"

Der Film schrieb schon Filmgeschichte, da war er noch gar nicht auf der Leinwand zu sehen. Vier Tage vor der Premiere, am 30 September 1955, raste sein Hauptdarsteller, als wollte er dem Titel auf seine Weise nachdrücklich Ausdruck verleihen, mit einem silberfarbenen Porsche 550 Spyder in eine schwere Limousine und verstarb. James "Jimmy" Byron Dean wurde gerade einmal 24 Jahre alt. Seine Filmographie umfasste drei Filme, wovon "Rebel without a cause" neben "East of Eden" (Jenseits von Eden, 1955) und "Giant" (Giganten, 1953) den Dean-Film schlechthin abgab.

Beide, Film und Hauptdarsteller, bildeten von Anfang an eine Einheit, die zu kreieren, der klugen und einfühlsamen Regiehand von Nicholas Ray zu verdanken war. Ray räumte Dean und den anderen jungen, zum Teil unerfahrenen Schauspielern viel Platz zur Improvisation ein. Durch das intensive "method acting" Deans, das der Figur des Jim Stark weit über die dramatische Handlung hinaus intensives Leben einhauchte, stieg der Film schnell zum Kult-Film auf. Dean in der Rolle des rauchenden, Blue-Jeans, weißes T-Shirt und roten Blouson tragenden Rebellen wurde zur Ikone.

Schon der Vorspann des Films gilt als eine der berührendsten Szenen Hollywoods. Dean als Jim Stark fällt im Alkoholrausch nächtens auf den Asphalt einer amerikanischen Kleinstadt, auf dem ein kleines Aufzieh-Äffchen in seinen letzte Bewegungen zuckt. Lächelnd zieht Jim das Spielzeug-Äffchen auf, dann bettet er es auf die Straße und deckt es liebevoll mit einer zerknitterten Zeitung zu, um sich gleich neben ihm einzurollen und selbst schlafen zu legen. Dean hat diese Szene, die wie ein Sinnbild der traurigen Verlorenheit der Figuren des Films über der gesamten Handlung steht, wie viele andere auch improvisiert. Sie war im Drehbuch nicht vorgesehen.

Im Mittelpunkt des Films stehen drei in ihren Problemen befangene Jugendliche eines amerikanischen Vororts von Los Angeles, die sich innerhalb eines Tages begegnen, kennen lernen und über Nacht das Drama von sinnlosem Tod und heilsamer Liebe erfahren. Der Einzelgänger und neu in die Stadt gezogene Jim Stark trifft an seinem ersten Schultag auf die unbefangene, aber von ihrem Vater gefühlskalt abgewiesene Judy (Nathalie Wood). Sie gehört zu einer Gang von Jugendlichen, deren Anführer Buzz (Corey Allen) sich sofort mit Jim anlegt. Um sie herum, wie ein verlorener einsamer Trabant, kreist der kleine, ängstliche Plato (Sal Mineo), ein Scheidungskind, das von niemandem geliebt wird und mit dem Jim durch seine vorurteilsfreie Art schnell Freundschaft schließt. Bei einer Mutprobe, einem Autorennen zwischen Buzz und Jim, verunglückt Buzz tödlich. Jimmy will sich der Polizei stellen, doch weder die Ordnungshüter noch seine Eltern hören ihm zu.

Die Bande um Goon (Dennis Hopper) und Crunch (Frank Mazzola) beschließt, Rache für Buzz zu nehmen. Es kommt zur Konfrontation in einer verlassenen Hollywood-Villa, in die sich Jim, Judy und Plato wie in ein familiäres Refugium zurückgezogen haben. Als ein Bandenmitglied hereinstürmt, schießt Plato und flüchtet. Von der Polizei gejagt und völlig von Sinnen, versteckt er sich in einem Planetarium. Jim, der die angespannte Situation vor Ort zu schlichten versucht, erlebt, wie Plato von der Polizei sinnlos erschossen wird. In Referenz zur Eingangssequenz mit dem Äffchen zieht Jim dem toten Plato den Reißverschluss des roten Blousons zu, den er ihm noch kurz zuvor gegen die Kälte gegeben hatte. "He`s allways cold", sagt Jim zu den Umstehenden am Unglücksort, "Er friert immer".

"Es ist die Geschichte einer Generation, die in einer Nacht erwachsen wird", sagte Dialogautor Stewart Stern einmal über den Film. "Rebel without a cause" gehört zu Rays hervorstechendsten Arbeiten, in denen er mit fast traumwandlerisch sicherer, dichter und direkter Erzähltechnik eine Filmsprache schuf, in der die Essenz der Handlungen in der Existenz der Figuren begründet liegt. Rays Helden sind allesamt unbequeme Individualisten und seine Filme zeigen deren oft grausame Wirklichkeit. Für viele Filmemacher der Nouvelle Vague wie Godard, Rivette und Truffaut, aber auch für den Deutschen Wim Wenders, wurde Rays individualistisches Kino zum Vorbild.

"Rebel without a cause" steht in einer Reihe Filme, mit denen die großen Studios auf die allgemeine Stimmung jugendlicher Rebellion im Amerika der fünfziger Jahren reagierten, um sich ein neues Massenpublikum zu erschließen. Kein Wunder, dass "Rebel without a cause" oder Benedek Laslos "The Wild One" (Der Wilde, 1953) mit Marlon Brando und Richard Brooks` "The Blackboard Jungle" (Die Saat der Gewalt, 1955)" mit Glenn Ford und Sidney Portier zeitlich auch mit der Geburtsstunde des Rock `n Rolls zusammenfallen.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]