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AFRICAN QUEEN / JOHN HUSTON

"Could you make a torpedo, Mr. Allnutt?"

Um ein Haar wäre dieser Film fünfzehn Jahre früher im Jahr 1938 entstanden, produziert von der MGM, die die Filmrechte auf den Roman von C.S. Forester hielt und für die Besetzung Bette Davis und David Niven vorsah. Doch Bette Davis grauste es vor Außenaufnahmen, besonders in einem unzugänglichen Winkel des schwarzen Kontinents. Sie liebte das Studio, und deshalb wanderte das Filmvorhaben in die Schublade, bis es John Huston in die Hände geriet. Dem Meisterregisseur des Film Noir war sofort klar, wer auf die Rolle des unrasierten, freiheitsliebenden und leicht versoffenen, aber dennoch überaus charaktervollen Bootskapitän "Charles Allnutt" passte. "Der Held ist ein Prolet", beschrieb Huston seinem Freund Humphrey Bogart die Figur, "und du bist der größte Prolet der Stadt und daher bestens für die Rolle geeignet."

Bogart nahm an, spielte seinen Part mit faszinierender Hingabe und ironischem Augenzwinkern und gewann dafür prompt seinen einzigen, aber längst verdienten Oscar. Ihm zur Seite stand Katharine Hepburn, die die streng christliche Methodistin und Altjungfer "Rose Sayer" darstellte, eine Figur, die Hepburn ebenso brillant verkörperte wie Bogart den "Charles Allnutt". Man kann "African Queen" getrost zubilligen, das beste ungleiche Schauspielerpaar der Filmgeschichte für eine Liebes- und Abenteuergeschichte gewonnen zu haben. Mit durchschlagendem Erfolg für alle Beteiligten. Der Film wurde ein Kassenschlager.

Rose Sayer ist eine gleichermaßen gottesfürchtige wie emanzipierte Engländerin, der nach der Zerstörung der Methodisten-Mission in Deutsch Ostafrika im Jahr 1914 durch deutsche Truppen und dem Tod ihres geliebten Bruders (Robert Morley) keine andere Wahl bleibt, als sich auf die schwankende "African Queen" zu begeben, ein kleines, mit Dampf betriebenes Flußboot, mit dem der Kanadier Allnutt als freier Kurier und Bote den Ulanga hoch und runter schippert.

Charles und Rose - vom Feind umzingelt und einander noch fremd - wissen nicht, was sie tun sollen. Sie entscheiden sich für das denkbar schwierigste: sie flüchten flussabwärts auf dem gefährlichen und reißenden Urwaldstrom, vorbei an der Festung der Deutschen, bis zu einem großen See, auf dem ein deutsches Kanonenboot die Vormachtsstellung hält. Im selbsternannten Dienst der Royal Navy gedenken sie, es mit zwei selbst gebastelten Torpedos zu versenken.

Während der abenteuerlichen Flussfahrt, auf der Rose und Charles die Unwegsamkeiten des Busch- und Flusslebens zu spüren bekommen, erliegt Rose zunehmend Allnutts unkonventionellem Charme. Nach der Hälfte der Fahrt blüht sie wie eine der farbenprächtigen Flussblumen des Ufersaums in Liebe auf. Allnutt wiederum verwandelt sich nach etlichen Prüfungen, die ihm die Alkohol verachtende Rose mit ihren fixen Ideen auferlegt, von einem verlotterten, bequemen Flusskapitän zu einem mutigen und verantwortungsvollen Mann. Allnutt mag es selbst kaum glauben, aber er und Rose werden ein Paar.

Aus dramaturgischer und schauspielerischer Sicht bildete Katharine Hepburn den perfekten Gegenpart zu Humphrey Bogart. Beide Schauspieler verkörperten auf ihre Weise die entgegen gesetzten Milieus, die in allmählicher Annäherung überwunden wurden. Regisseur Huston überließ es dabei der Dynamik seiner Schauspieler, das Rollenspiel zwischen "Rosie" und "Charlie" auszuformen und ins Komische zu wenden. Die Liebe zwischen ihnen wirkt genauso wenig zwingend wie sie auf der anderen Seite abwegig erscheint. Diese ungewöhnliche Spannung ließ eine der schönsten und liebeswertesten Romanzen entstehen, die das Kino je vorgebracht hat. Es ist für die Entstehung des Films bezeichnend, dass die ursprüngliche Version des Drehbuches vorsah, Rosie und Charlie umkommen zu lassen. Aber ein solches melodramatisches Ende wäre dem Film nicht bekommen. Die wunderbar geschmeidige Komik und Leichtigkeit der Liebe zwischen Charlie und Rosie wäre brutal zerstört worden.

Den beiden gelingt das Unmögliche, sie tragen den Sieg über den Fluss und die Deutschen davon. Dieser Erfolg ist zugleich ein Sieg der filmischen Illusion über die Wirklichkeit. Die magische Heilwirkung der Liebe und des Mutes in aussichtslosen Situationen setzt sich durch: "to dream the impossible dream!" lautet die Botschaft. Dieser Magie begegnet der Zuschauer auch in den exotischen Bildern der Flusslandschaft, die wie ein lebendiger Spiegel die dramatische Lage sowie Rosies und Charlies Gefühle füreinander symbolisieren. Wie jede Flussfahrt steht auch diese eigenwillige Liebesreise für ein Sinnbild des Lebens. Nicht auszudenken, Bette Davis wäre Sonnenanbeterin oder Naturliebhaberin gewesen und hätte ihren bereits unterzeichneten Vertrag mit der MGM erfüllt.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]