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AUGEN DER ANGST / MICHEL POWELL

"Whatever I photograph - I always lose!"

Immer wenn Augen in Großaufnahme erscheinen, sind die großen Themen über visuelle Wahrnehmung, Sichtbarkeit und filmische Darstellung nicht weit. Der berühmte Rasiermesserschnitt durch das Auge in Luis Buñuels und Salvador Dalís Surrealismusschocker "Un chien andalou" (1929) war einst ein epochaler Schnitt durch die Sehgewohnheiten des vom Theater und der Guckkastenbühne auf Distanz gehaltenen Zuschauers, ein schockierender Schnitt, der den Zuschauer die Hände vor das Gesicht schlagen und wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren ließ. Der Betrachter sah in sein eigenes, noch unschuldiges Kinoauge, dass im Augenblick der filmischen Illusion zerschnitten wurde. Auch "Peeping Tom" operiert auf diesem Feld der visuellen Grenzüberschreitung, wenngleich er ästhetisch viel schonender mit dem Zuschauer umgeht.

Der Film beginnt mit einem Auge in Grossaufnahme. Das Auge ist noch geschlossen, als träumte es, dann plötzlich öffnet es sich wie eine aufspringende Kamerablende und guckt erschreckt von der Leinwand. Dieses Auge ist ein filmisches Emblem, es ist ein Auge der Angst und der Sichtbarkeit von Angst, es eröffnet eine komplexe Wahrnehmungskonstellation, in die der Zuschauer anders als in herkömmlicher Weise eingebunden wird. Das Leinwand füllende Auge, das den Zuschauer wie ein Kameraobjektiv anblickt, kontert jeden Blick. Der Beobachter - der `Peeping Tom` oder Voyeur - wird selbst zum Beobachteten.

Noch ehe der Vorspann beginnt, in einer gesonderten Einganssequenz, wird der Blick des Zuschauers durch Zoomen in das Objektiv einer 16mm Amateurkamera hinein gezogen, die ein junger Mann unter seinem Mantel versteckt. Daraufhin wechselt die Perspektive. In subjektiver Einstellung nähert sich der Betrachter einer Prostituierten auf der Straße. Das Filmbild ist von einem Fadenkreuz durchzogen. Die Prostituierte nimmt den Zuschauer mit auf ihr Zimmer. Der Zuschauer ist zum Kameraauge geworden. Dann geschieht das Ungeheure, denn während sich die Frau entkleidet, kommt die Kamera ihr langsam näher. Angsterfüllt schlägt die Prostituierte die Hände vor das Gesicht und schreit. Sie wird vor laufender Kamera ermordet.

Fast zwanzig Jahre ist "Peeping Tom" von einer aus heutiger Sicht unverständlich harschen Kritik verschmäht und ignoriert worden, bis Martin Scorsese und Paul Schrader den Film 1979 auf dem New Yorker Filmfestival rehabilitierten und in eine Liste ihrer "guilty pleasures" setzten. Michel Powell nützte diese späte Genugtuung wenig. Sein vor der Londoner Premiere von "Peeping Tom" 1960 guter Ruf war längst ruiniert. Man hatte den Film einfach nicht verstanden oder absichtlich nicht verstehen wollen. Die thematische Gleichsetzung von "Ich" und "Kamera-Auge", von dem das Englische ein phonetisches Zeugnis gibt, wurde einfach ignoriert. Dabei führte dieser Aspekt mitten hinein in den Persönlichkeitskonflikt des filmbesessenen, schüchternen Mark Lewis (Karlheinz Böhm), einem einfachen Assistenten beim Film, der aufgrund einer traumatischen Kindheit zum voyeuristischen Kamera-Mörder wird.

Die Handkamera, die Mark immer bei sich trägt, ist eine tödliche Waffe. Hat er ein Opfer ausgespäht, bewegt er sich filmend auf dieses zu, klappt dabei ein Bein des Stativs vor, das sich zu einem tödlichen Stilett verwandelt, und sticht zu. Marks Absichten reichen weiter. Es genügt ihm nicht, die Todesangst des Opfers zu filmen. Er will sein Opfer auch mit dieser Angst konfrontieren, indem er ihm im Augenblick des tödlichen Stoßes einen Parabolspiegel hinhält, in dem das Opfer in seine eigene Todesangst blickt. "Die größte Angst ist die Angst vor der Angst", sagt er einmal zu Helen (Anna Massey), einer angehenden Kinderbuchautorin, der er als scheuer und seelisch deformierter Sohn eines berühmten Verhaltensforschers als einzigem Menschen vertraut. Mark wurde einst selbst Opfer unmenschlicher Beobachtungslust - sein Vater hatte ihn in seinem Forscherdrang unablässig mit Furcht einflössenden Dingen konfrontiert und dabei gefilmt.

Die Snuff-Filme, die Mark sich nächtens anguckt, lösen seinen seelischen Konflikt nicht. Die Todesangst des Opfers bleibt eine unzureichende Film-Sequenz in der Endlosschleife eines Filmprojektors. Um sich von seinem Trauma zu befreien und seinem Leben als filmisches Dokument gleichzeitig einen Sinn zu geben, richtet sich Mark in einer paradoxen Intervention schließlich selbst. Er befestigt seine tödliche Apparatur an einem Regal und rennt darauf zu. Auf diesem kurzen Weg macht er eine Serie von Selbstauslöser-Fotografien, die seinen Lebensweg vom missbrauchten Jungen, der er zeitlebens geblieben ist, hin zum sterbenden Erwachsenen als genealogisch verdichtete Bilderfolge dokumentieren. Mark hatte Helen diese "magischen Fotos", von denen sie sich jedoch eine ganz andere Vorstellung gemacht hatte, um mit ihnen ihr bald erscheinendes Kinderbuch zu illustrieren, fest versprochen.

"Peeping Tom" ist ein konsequenter Film, der einer konzentrierten Reflexion über die Abgründe filmischer, seelischer und okularzentristischer Wirklichkeiten folgt, ohne dabei übermäßig Rücksicht auf etwaige dramaturgische Geschmäcker oder avantgardistische Stillagen zu nehmen. Auf seine Weise ist er ein zeitloser Film, da er vom Wesen des Mediums selbst handelt.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]