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HAIE DER GROßSTADT / ROBERT ROSSEN

"Some men never get to feel that way about anything"

"Gambling not allowed" steht auf einem Schild an der Ausgabe für die Billardkugeln, "Glücksspiel verboten", aber das interessiert niemanden hier in der Öde von Pittsburgh. "Pool-Sharks" werden sie genannt, Haie am Billardtisch, Spieler, die andere ausnehmen, weil sie besser spielen, die den Queue präziser führen und die Kugeln schneller tanzen lassen, als andere es sich überhaupt vorstellen können. Sie locken ihre ahnungslosen Gegner in eine Falle, treiben den Wetteinsatz in die Höhe, um dann in einem einzigen Spiel mit hohem Einsatz fette Beute zu schlagen. Auch der "schnelle Eddie" (Paul Newman) kennt alle Kniffe. Er spielt mit Leidenschaft, denn er beherrscht das Spiel. Es pulsiert in seinen Fingerspitzen, sobald er einen Spieltisch in irgendeiner dunklen Ecke stehen sieht, und er ist nahe dran, das vermeintliche Glück im Spiel zu einer Kunstform auszubauen. Nur zwei Dinge kann er nicht: verlieren und aufhören, wenn es am schönsten ist.

Eddy trifft auf den ungeschlagenen Meister, "Minnesota Fats" (Jackie Gleason), ein etwas beleibter, aber schnieker Virtuose des Queues. Seit 25 Stunden spielen sie nun schon ununterbrochen Billard. "Fats" liegt mit 18000 Dollars zurück, Eddie scheint ihn im Griff zu haben. Jeder hat eine Flasche Whisky und eine lange Nacht hinter sich. Trotzdem ist für Eddie das Spiel noch nicht zu Ende. Er will "Fats" in Grund und Boden spielen, er will ihm zeigen, wer der Beste ist. "Fats" soll die altbackene rosa Nelke aus dem Knopfloch fallen und die Pomade im Haar wie Klebstoff zerlaufen. Doch Eddie überschätzt sich. "Stay with this kid; he`s a loser!", raunt Bert Gordon (George C. Scott), der zwielichtige, schwarz gekleidete Manager von "Minnesota Fats" in den Salon. "Fats" ist Profi und er kennt seine Grenzen. Nach 40 Stunden Powerplay hat er dem Jungster Eddie fast all sein Geld abgeknöpft und lässt ihn mit seinem väterlichen Freund "Charlie" (Myron McCormick) völlig ausgebrannt im Staub der Spielhölle zurück.

Eine halbe Stunde Filmzeit nimmt das erste große Spiels gegen Minnesota Fats in Anspruch. Kameramann Eugen Schüfftan, der mit Fritz Lang an "Metropolis" gearbeitet hat, und Regisseur Robert Rossen haben diesen Part des Films in berauschenden Schwarzweiß-Bildern in Cinemascope eingefangen. Die Dynamik der Inszenierung besticht. Die Dauer der Handlung geht während des Spieles immer mehr verloren. Die eindringlichen Bilder von Spielfläche und laufenden, tanzenden und in den Löchern verschwindenden Kugeln sowie die Naheinstellungen der angestrengten, konzentrierten Gesichtern der Spieler und Zuschauer am Tisch sind durch Überblendungen ineinander montiert. Das Spiel und die Bewegungen am Spieltisch verschmelzen zu einem tranceartigen Zustand. Für diese Arbeit gab es zu Recht einen Oscar.

Eddie hat Talent, aber noch keinen Charakter. Das jedenfalls redet ihm Bert ein. Dieser, ein Abgesandter des Teufels in Film Noir, will Eddie für seine Zwecke gewinnen. Er hat das nötige Geld und die Erfahrung, Eddies Traum von einer Revanche Wirklichkeit werden zu lassen. Der Preis ist hoch, nicht nur 75% Anteile am Gewinn, sondern der Verkauf der Seele und der Tugend selbst. Eddie wird Berts Spieler, bis es zu einer tödlichen Konstellation kommt, aus der Eddie nicht ohne den Verlust seiner wahren Liebe, aber mit dem Gewinn eines gereiften Charakters hervorgeht.

Der Film verhalf Paul Newman zu einer großen Rolle. Er spielte den "schnellen Eddie" zu einem Billy the Kid des Billards, überheblich, frech, latent aggressiv, ganz von sich selbst überzeugt und dahinter doch noch ein irritierter, unreifer Bursche. Weil er nur die Revanche im Kopf hat, verkennt Eddie die Liebe der intelligenten, emanzipierten, aber einsamen Sarah (Piper Laurie), er ist ihr emotional nicht gewachsen.

Es dauerte 25 Jahre, bis Paul Newman für die Darstellung des schnellen "Eddie Felson" einen Oscar bekam. Martin Scorsese ließ beide, Figur und Newman, in seinem "Die Farbe des Geldes" (1986) wieder auftreten - als filmische Revenants einer vergangenen Zeit und eines spannenden Spiels: "Hey, ich bin wieder da!" ruft der alte Zocker Eddie am Ende in den letzten Billard-Stoß hinein, der von ihm je auf Film festgehalten wurde. Ein starker Abgang.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2005]