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GOOD NIGHT AND GOOD LUCK / GEORGE CLOONEY

"We`re going to do this story now, because the terror is right here in this room!"

Der Film beginnt als Hymne auf seine Protagonisten und Darsteller. In weichen Schwarzweißbildern gleitet die Kamera durch einen Bankettsaal und fängt jeden Einzelnen der CBS-Helden von "See It Now" ein - der legendären Nachrichtensendung des Columbia Broadcasting System der 50er Jahre. Ein Gruppenfoto wird animiert. Es ist zugleich Filmcrewbild: Fred Friendly, dargestellt von Autor und Regisseur des Films George Clooney, steht neben Don Hewitt, dargestellt von Grant Heslov, ebenso Autor und Produzent des Films. Flankiert werden sie von Hollywoods großer B-Liga: Robert Downey Jr., Matt Ross und Tom McCarthy. Die einzige Frau des Redaktions-Stabes - Patricia Clarkson als Shirley Weshba macht das Foto. Nur einer fehlt - der Held und Hauptdarsteller des Films selbst.

Edward R. Murrow, dargestellt von David Strathairn, steht hinter der Bühne und inhaliert eine seiner unzähligen Zigaretten. Es ist der 8. Oktober 1958. Gleich wird der angesehene Fernsehjournalist eine Rede halten vor den versammelten Hierarchen des amerikanischen Medienverbandes. Er beginnt, und allen Anwesenden gefriert nach wenigen Sekunden das Lächeln. Wenn man so weitermache, könne das Fernsehen als Aufklärungs-Medium getrost abdanken, wirft Murrow den Anwesenden an den Kopf. Seine Sätze sind eloquente, sprachlich geschliffene Mahnungen vor einem zweifelhaften System. Dem Zuschauer wird umgehend bewusst, dass er in einem Film sitzt, in dem Worte und präzise Gedanken mehr zählen als epische Breite und stürmische Küsse.

Das Herz schlägt dort, wo die Nation nicht mehr wagt, an sich selbst zu glauben - das ist das Thema des Films, ein uramerikanisches zugleich. George Clooney, der sich wegen seiner Zweifel am amerikanischen Einmarsch in den Irak erheblichen öffentlichen Angriffen ausgesetzt sah, machte sich ein amerikanisches Stück Zeitgeschichte und journalistische Zivilcourage zu Eigen. Der historische Fall CBS gegen McCarthy spiegelte die Gegenwart wider. Hatte es Senator McCarthy in den frühen Fünfzigern mit flächendeckenden kommunistischen Unterwanderungen, so behauptete Präsident George W. Bush die Existenz von irakischen Atomwaffen. In beiden Fällen, und das demonstriert der Film auf kluge, treffliche und präzise Weise, sind Bürgerrechte und liberale Werte die ersten Opfer von politischer Willkür und kollektiver Hysterie.

Beeindruckend, wie der Film die Balance hält zwischen filmischer Emotion und zeitgeschichtlicher Authentizität. Authentisches Dokumentarmaterial ist kunstvoll in den Film montiert. Bis auf zwei Szenen verlässt die Handlung nie die Redaktionsräume der CBS Studios, was dem Film eine klaustrophobische, aber zugleich wirkungsvoll dichte und arbeitsintime Stimmung verleiht. Kontrastiert wird diese gespannte Atmosphäre von coolen Jazzeinlagen, die live eingespielt werden und den Geist des handgemachten und anlogen Fernsehens von damals zeigen. Unentwegt wiegen sich silberne Rauchschwaden im Licht. Es sei der einzige Set gewesen, bei dem die Leute vor die Tür gegangen sind, um nicht zu rauchen, scherzte Clooney über die Dreharbeiten.

Das wirksamste Mittel zur Spannungserzeugung ist die Verwendung von bewussten Handlungs- und Sprechpausen. In den drei, vier Sekunden, bevor Murrow auf Sendung geht, drückt sich die ganze Last der journalistischen Verantwortung auf seinem Gesicht aus. Der Film ist durchgehend mit Teleobjektiven gefilmt, ihnen entgeht keine noch so kleine Bewegung. Hebt David Strathairn eine Augenbraue oder stößt er energisch Zigarettenrauch aus, sagt dies mehr als tausend Worte. Mit einem kurzen simplen und verächtlichen Seitenblick legt er die ganze Seichtheit eines Prominenten-Interviews bloß, das er führen muss, um dem Sender Quoten und Werbeeinnahmen zu bescheren. Man kann sich weiden an diesen zürnenden, verächtlichen, angespannten und knallharten Blicken Strathairns, die den Film durchziehen.

Der Film reflektiert das Fernsehmedium in seiner ambivalenten Rolle als Aufklärungs- und Unterhaltungsinstrument. Wenn die Helden und ihre politische Sendung "See it Now" am Ende vom Senderchef William Palley - beeindruckend verkörpert von Frank Langella - freigesetzt werden, bedeutet dies kein Ende für ihre aufrechte journalistische Haltung. Aber es ist der Anfang einer programmatischen, kommerziellen Richtungsänderung. Fred Friendly und Ed Murrow tragen die Absetzung ihrer Sendung mit Fassung und schwarzem Humor, wahrscheinlich die einzigen unaufkündbaren Mittel gegen jede Form der Macht und politischen Engstirnigkeit.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2011]