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UN FLIC / JEAN-PIERRE MELVILLE

"Ein Toter verhaftet keinen mehr!"

Sein Name ist "Edouard Coleman". Er ist ein "flic", ein französischer Bulle, ein Pariser Kommissar von der ganz speziellen Sorte: wortkarg, abgebrüht, kombinationssicher, emotional unberührbar. Egal ob er eine wunderschöne, tote Prostituierte sieht oder jemanden aus Notwehr erschießen muß, niemals verzieht er das Gesicht. Von kleingaunerischen Ablenkungsmanövern bleibt er unbeeindruckt. Und manchmal teilt er, um seine moralischen und kriminalistischen Ansprüche zu verdeutlichen, eine saftige Ohrfeige aus. Das wirkt, nicht nur beim Geschlagenen, auch beim Zuschauer. Dieser Mann, dargestellt von Alain Delon, ist cool. Er ist ein Typ, der eigenen Gesetzen folgt und dies, weil er von vorn bis hinten für den Film gemacht ist. Ein Melville-Held in Reinkultur. Abgeleitet von amerikanischen Vorbildern der schwarzen Serie, von Howard Hawks, Robert Wise und William Wyler, und ausgestattet mit einer Weltanschauung, die, weil sie Realität und Zynismus stets in eines setzt, kaum von ausdifferenzierter Wirklichkeit sein kann. "Tiefstes Mißtrauen und Verachtung ruft der Mensch in einem Polizeibeamten wach", erklärt Coleman dem Zuschauer.

Wir befinden uns im Melville-Kosmos, in dem von der ersten bis zur letzten Einstellung rigoroser Formalismus und ästhetische Eindringlichkeit herrschen, ohne der Spannung Abbruch zu tun. Melvilles Filme und Helden leben vom Spiel der Gegensätze, vom harten Aufeinandertreffen konträrer Unterschiede, aber auch von deren Neuordnung, Verschmelzung und Abstoßung zu neuen Begriffspaaren und Figurenkonzepten. Ein Held, der bei Melville das Gute vertritt, ist nicht notwendig Sympathieträger. Genausowenig wie der, der das Unrecht vertritt, am Ende siegreich davonkommt. So ungelenk der französische Originaltitel "Un Flic" ins Deutsche "Der Chef" übersetzt wurde, so trifft der Titel dennoch die im Film angelegte Doppeldeutigkeit der Heldenverteilung. Welcher "Chef" ist gemeint, der der Kriminellen oder der der Polizei?

Kommissar Colemans Gegenspieler ist der Nachtclubbesitzer Simon (Richard Crenna). Ein kultivierter, gepflegter, durchaus intellektuell ausgestatteter Mann und Chef einer vierköpfigen kriminellen Vereinigung, einem Quartett, das an sich nicht ausgesuchter ausfallen könnte: Zum Nachtclubbesitzer kommen hinzu: Ein gutbürgerlicher, arbeitsloser Bankdirektor sowie ein Profi in Sachen Technik und Mobilität, als auch ein bis in den Tod getreuer Gefolgsmann, der nie eine andere als die verbrecherische Seite kennengelernt hat. Maskiert werden sie zu einheitlichen Rollenbildern. In der überaus wohlkalkulierten und filmisch aufregenden Bankraub-Sequenz am Anfang des Films fahren sie in einem schwarzen Plymouth vor, tragen Trenchcoat, schwarze Sonnenbrillen und einen in die Stirn gezogenen Stetson. Unnachahmlich präzise, lakonisch und einmalig in der tricktechnischen Umsetzung erscheint auch ihr zweiter Coup, bei dem sich Simon von einem Hubschrauber auf einen fahrenden Zug abseilt, um einen Drogenkurier auszunehmen.

Eine weibliche Figur komplettiert das Ensemble und stellt die Verbindungen zwischen der Seite des Gesetzes und der des Verbrechens her: "Cathy" (Catherine Deneuve), die Frau von Simon, die gleichzeitig die Geliebte von Kommissar Coleman ist. Ein blonder Engel aus dem Traumbuch des Film Noir. Sie bringt die Liebe, die Sehnsucht und das Verderben. Sie verkörpert das Unerreichbare und verabreicht, wenn es die Sache (des Films) erfordert, ohne mit der Wimper zu zucken den Tod. Überwältigend jene Szenen, in denen Melville seine Heldin in einem blütenweißen Schwesternkostüm unter kaltem hellblauen Licht einem Wehrlosen die Todesspritze setzen läßt. Zwei wache dunkelbraune Augen, die den Delinquenten ungebrochen anschauen, zarter zerbrechlicher Teint, ein kurzer, versteckter Biß auf die Unterlippe - und der Tod steht im Krankenzimmer.

Alles in dieser Szene wie auch im ganzen Film ist gewollt: reduziert auf ein Minimum an Theatralik mit einem Maximum an sinnlichem Ausgang. An Cathy hängt das Schicksal der Gegenspieler Coleman und Simon, die, würden sie zusammenarbeiten und nicht widerstreiten, das perfekte Verbrechen oder Gesetz ergäben. Cathy ist das Indifferenzmoment des Plots, sie bestimmt über das Ende des Films, den Ausgang der Geschichte, über Gut und Böse, über Liebe und Verrat, Wirklichkeit und Apotheose.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]