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ASCHE UND DIAMANT / ANDRZEJ WAJDA

"Ich kann nicht mehr morden, mich verstecken. Ich will leben. Nichts mehr!"

Siebter Mai 1945, irgendwo in der polnischen Provinz. Vögel zwitschern, der Himmel ist knatschblau. Es ist der Tag der offiziellen Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims. Der Krieg ist zu Ende. In Polen herrscht Feierstimmung, doch gleichzeitig formieren sich im Vakuum des Übergangs von Krieg zu Frieden bereits neue politische Kräfte, die die Kontrolle über das Land an sich reißen wollen.

Zwei Männer liegen dösend im Gras und warten auf einen Jeep. Der junge und coole Maciek (Zbigniew Cybulski) und sein etwas älterer Kamerad Andrzej (Adam Pawlikowski) sollen Szczuka (Waclav Zastrzezynski), den aus der Sowjetunion zurückgekehrten Führer der pro-kommunistischen Widerstandsgruppe "Armina Ludowa" liquidieren. Szcuska ist ein ehemaliger Spanien-Kämpfer, der an eine vom Dünkel und vom Faschismus befreite Gesellschaftsordnung glaubt. Maciek und Andrzey gehören dagegen der "Armina Krajowa" an, einer der "Armina Ludowa" zahlenmäßig überlegenen Widerstandsbewegung, die während des Krieges der Exilregierung Polens in London unterstand. Beide Vereinigungen kämpften gegen die Deutschen, nun sind sie Konkurrenten.

Maciek und Andrzej haben die deutsche Niederschlagung des Warschauer Aufstands im Oktober 1944 überlebt. Sie sind getragen von einer national orientierten Idee Polens und bevorzugen eine auf Freiheit basierende Grundordnung. Aber die neue Zeit hat längst begonnen, und die Zukunft Polens ist unter dem Protektorat Stalins bereits entschieden. Sowohl Andrzey und Maciek, als auch der ältere und aufrichtige Szuska, werden auf ihre Weise Opfer ihrer politischen Ideen. Das Attentat verfehlt den Richtigen. Maciek und Adrzej werden gezwungen, zu einem zweiten Versuch anzusetzen. Maciek quartiert sich zu diesem Zweck im Hotel "Monopol" ein, wo gerade ein Bankett vorbereitet wird. Die Nacht wird zur Schicksalsstunde aller.

Andrzej Wajdas "Asche und Diamant" ist der dritte Film einer Trilogie, mit der der polnische Meisterregisseur die Geschichte des Widerstands Polens im zweiten Weltkrieg anhand ausgewählter Charaktere und schicksalhafter Lebensläufe nachzeichnete. Sowohl in "Pokolenie" (Eine Generation, 1955), als auch in "Kanal" (1957) und in "Asche und Diamant", die aus historischer Perspektive als Fortsetzungsfilme gelten, auch wenn die Hauptfiguren jeweils wechseln, agieren tragische Helden, deren individuelles Schicksal stellvertretend für eine ganze Generation junger Polen, zu der Wajda selbst gehörte, dargestellt ist.

In "Pokolonie" wird ein junger Mann unfreiwillig durch den Sog der Besatzungsumstände aus seinem bürgerlichen Leben gerissen und in den Widerstand gezogen. In dem klaustrophobischen "Kanal" wiederum kämpft eine Widerstandsgruppe während der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im Kanalsystem der Stadt um das nackte Überleben. Und in "Asche und Diamant" sucht schließlich ein aus der Zeit gefallener, in sich zerrissener Widerstandkämpfer am Ende des Krieges nach einem Weg zurück ins zivile Leben, ohne sich jedoch von den Zwängen der Vergangenheit befreien zu können. In allen drei Filmen bleibt den Helden keine Wahl. Sie sind Gefangene historischer Augenblicke. Sie überleben entweder in Unfreiheit oder finden den Tod.

Alle drei Filme entstanden in einer kulturpolitisch gelockerten und progressiveren Zeit in Polen unmittelbar nach Stalins Tod 1953. Wajda fasste die Gelegenheit zur ideologisch befreiten Darstellung von Polens jüngster Geschichte beim Schopf und brachte seine Erfahrungen als Widerstandskämpfer in den künstlerischen Prozess mit ein. Vor allem "Asche und Diamant" und sein Hauptdarsteller Zbigniew Cybulski wurden international zu Aushängeschildern des neuen polnischen Films. Cybulski, der selten ohne seine dunkel getönte Brille anzutreffen war und über ein fantastisches "method acting" verfügte, galt, nicht nur aufgrund seines tragischen, frühen Unfalltodes als polnischer James Dean. Er spielte die Rolle des durch Krieg und Widerstand aus der Bahn geworfenen, romantisch-messianischen Maciek mit Verve und melancholischem Charme. Maciek verliebt sich über Nacht in das Barmädchen Krystyna (Ewa Krzyzewska) und beginnt gleichzeitig an dem Mord-Auftrag zu zweifeln. Doch bleibt er in den Zwängen der Befehlsstruktur gefangen und erschießt Szczuka schließlich auf offener Strasse. Dieser fällt seinem Attentäter in einem schmerzhaften Bild tragischer Bruderschaft sterbend in die Arme. Wajdas eindringliche Bildsprache sowie seine filmische Symbolik und künstlerische Fügung von dramatischen und realistischen Elementen fanden zu recht große internationale Anerkennung.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2005]