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CONTROL / ANTON CORBIJN

"Man-City-Blue"

Es heißt, die Sexpistols spielten Ende der 70er Jahre in einem Club in Manchester vor mickrigen 40 Besuchern. Doch jeder, der dem Gig beiwohnte, soll im Anschluss eine Band gegründet haben. Eine von ihnen nannte sich in Anlehnung an ein Nazi-Sexsklaven-Bordell im zweiten Weltkrieg Joy Division. Sie bestand aus vier jungen Mancs und wurde erst richtig berühmt, als ihr Leadsänger, Ian Curtis, sich im Mai 1980 das Leben nahm.

Der auf der Autobiographie von Curtis` Witwe Deborah Curtis "Touching from a Distance" beruhende Film erzählt von Ian Curtis` innerem Leidensdruck und skizziert die Geschichte der Band nach. Es ist, obwohl der Film den finalen Suizid fest im Blick hat und auf ihn zusteuert, ein Film über das Leben. Anton Corbijn kannte Ian Curtis persönlich. Er hat die Band Anfang der 80er Jahre mehrfach fotografiert. Wegen Joy Division ging er Ende der 70er von Holland nach London. Eines seiner Bilder hat sich tief in das Kulturgedächtnis gebrannt: Es zeigt die Band am Eingang des Londoner U-Bahnschacht Lancaster-Gate. Diese Szene zeichnet der Film aber nicht nach, denn es geht ihm nicht um eine nachträgliche Heldenverehrung, sondern um das Aufzeigen eines individuellen Schicksals, eingebettet in ein bestimmtes Zeitkolorit. "Wer an Joy Division denkt, der erinnere alles in Schwarzweiß", sagt Corbijn: "Alles war schwarzweiß, die Fotos, die Stimmung, einfach alles". In Schwarzweiß wurde deshalb auch der Film gemacht. Die Dreharbeiten in England fielen in den heißesten Sommer seit Jahren, und so sind alle Außenaufnahmen von einer eigenwilligen Frische gezeichnet, die gar nicht vorgesehen war.

Was der Film andeutet, das führt er konsequent zu Ende. Und was er erzählt, das erzählt er ohne Schlenker, ohne Effekthascherei, aber in sorgsamer Ruhe und mit großer Genauigkeit. Jede Einstellung hat ihren Grund, nichts geschieht ohne Absicht. Die Ausstattung lässt den Geist der 70er Jahre und die britische Postpunk-Ära auferstehen. Es war Corbijn ein Anliegen, neben den vielen liebevollen Set-Details auch sein eigenes kleines Holland mit in den Film zu schmuggeln. Wie in der ersten Einstellung, in der man Ian Curtis mit einer neuen David Bowie-Platte unterm Arm nach Hause gehen sieht, versank auch Anton Corbijn als Jugendlicher in Vorfreude auf eine neu erstandene Platte in sich selbst und war für niemanden mehr ansprechbar.

Das ursprüngliche Material wurde von drei auf zwei Stunden gekürzt - die Stringenz der Erzählung trägt Gewinn davon. Was bei der Finanzierung hinderlich erschien, entpuppte sich am Ende als großes Kapital: Ein ambitionierter Regieeinsteiger, zudem legendärer Fotograf, ein unbekannter Kameramann, Martin Ruhe, der dem Film einen wunderbar fotografisch-visuellen Stempel aufdrückte, und dann noch ein junger Musiker ohne schauspielerische Erfahrung - Sam Riley, der die Hauptrolle übernahm. Das alles betrachteten die Geldgeber skeptisch. Enge Freunde Corbijns unterstützen das Projekt und halfen aus, so auch Herbert Grönemeyer, der zugleich eine kleine Nebenrolle übernahm. Samantha Morton und die deutsche Schauspielerin Alexandra Maria Lara bürgten für hohes Schauspiel-Niveau.

Während der Drehaufnahmen wurde schnell klar, dass das gesamte Team ein Glücksfall war, nicht zuletzt Sam Riley, der Ian Curtis` unnachahmlichen Tanzstil so perfekt einübte, dass selbst eingeschworene Joy Division-Fans die Bühnen-Szenen abnickten. Fast alle Songs des Films wurden von den vier Band-Darstellern live eingespielt. Der Soundtrack wurde zum festen Bestandteil der Erzählung. Als läge hinter dem Film eine monochrome, verborgene Farbe, die man nicht sieht, aber deutlich spürt, so schmiegen sich die Musikstücke an die Handlung. So wird generell zunehmend ein leidvoller Schmerz in den Szenen spürbar. Einmal wird Ian Curtis (Sam Riley) von Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) gefragt, welches seine Lieblingsfarbe sei? "Man-City-Blue", antwortet er, das Blau von Manchester City, dem Fußballclub. Das Zimmer, in das sich Curtis einschloss, um seine Songs zu schreiben, war in dieser Farbe gestrichen. Im Film wird sie zu einem gedeckten Grau.

Wenn eines fraglos bleibt in dem Film, dann der innere Zwiespalt und enorme Leidensdruck von Ian Curtis, der zwischen zwei Lieben nicht entscheiden kann und zunehmend von epileptischen Anfällen heimgesucht wird. Im Moment der größten Bandperspektive ist er am Ende seiner Kräfte angelangt. Der Film zeigt ihn als tragische Figur, als jemanden, der sich und anderen stets treu zu bleiben versucht, aber gleichzeitig jemand anderes sein will. "Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft", sagte Jean-Paul Sartre einmal. Folgt man dem Film, ließ Ian Curtis diese Zukunft viel zu schnell hinter sich. Mit nur 23 Jahren hinterließ er ein erstaunlich reifes Werk.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2011]