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DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE / LUIS BUÑUEL

"Ein Martini hat`s in sich, besonders wenn er trocken ist!"

Welche Anekdote am Rande beschriebe den Film besser als die von der Oscarverleihung 1972? Als der Film offiziell nominiert wurde, erklärte der 72 Jahre alte Surrealist und Bürgerschreck Luis Buñuel vor mexikanischen Journalisten, er sei ganz sicher, den Oscar zu bekommen, schließlich habe er die 25000 Dollar, die für den Gewinn verlangt würden, ordnungsgemäß bezahlt. Als die Zeitungen das schrieben, war in Hollywood der Teufel los. Buñuels Produzent des Films, Serge Silbermann, hatte seine liebe Mühe, die Wogen der Entrüstung zu glätten. Tatsächlich gewann "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" dann den Oscar für den besten ausländischen Film, und Buñuel erzählte jedem, der es hören wollte: "Die Amerikaner mögen alle möglichen Fehler haben, aber ihr Wort halten sie."

Für seinen drittletzten Film ließ der Altmeister des karnevalistischen Films noch einmal die Bestie des Surrealismus los, wenn auch nicht in verstörend bildlicher Form wie zu den Anfängen in "Un Chien andalou" oder "L`âge d`or", damals noch gemeinsam mit Salvador Dalí, sondern nunmehr mit der ganzen Abgebrühtheit eines erfahrenen, lange im Exil gelebten Filmemachers und Querdenkers, der es nicht mehr nötig hat, der Welt etwas von seiner anarchisch-subversiven Kunst zu beweisen. Mochte man dem Film den Vorwurf machen, er baue keine Handlung auf und ließe seine Figuren wie Marionetten flach und ohne Seele durch ein nur allzu auffälliges Bühnendekor scharwenzeln, so verfehlte diese Kritik den ausgesprochen revolutionären Gehalt des Films hoffnungslos. Sie erkannte nicht, daß er von vorn bis hinten einen grotesken filmischen Karneval der bürgerlichen Wertvorstellungen und Klischees aufführte.

Die Handlung ist schnell erzählt: Sechs Großbürgerliche versuchen, sich zu einem Diner zusammenzufinden, um in exquisiter Ruhe und Noblesse zu speisen und sich zu unterhalten. Doch ihnen kommt ständig etwas dazwischen. Entweder sie irren sich auf mysteriöse Weise im Datum oder sie werden aufgestört durch einen Todesfall im Restaurant. Ein anderes Mal platzt ihnen während eines neuerlichen Versuchs ein Trupp Fallschirmspringer ins Haus, um ein Manöver durchzuführen. Und wieder ein anderes Mal finden sich die Gesellschaft, gerade Platz genommen und das Besteck in der Hand, unversehenes auf einer Theaterbühne wieder, mit gebratenem Geflügel aus Gummi und buhenden Zuschauer im Rücken, weil der Texteinsatz auf sich warten lässt.

Nicht nur letztgenannte Szene entpuppt sich im Film als Traum einer der Hauptpersonen. Verschiedene andere Träume stören die nie zur Tischruhe kommende Gesellschaft und lassen ihr immer gesittetes, oberflächliches Treiben in Sackgassen laufen. Einmal träumt ein Traum im Traum einen weiteren Traum. Dem Zuschauer wird zunehmend der sichere Boden unter den Füßen weggezogen. Wirklichkeit und Traum verschmelzen zu einer neuen Realität, zu einer filmischen Surrealität. Den sechs Großbürgern kann der ganze inszenierte Karneval, der in ihr Leben bricht, jedoch nicht die Façon rauben. Sie verharren spielend in ihren kultivierten Attitüden und heuchlerisch freundlichen Gesten. Im wahrsten Sinne des Wortes verlieren sie ihr Gesicht niemals. Denn wo gar kein Gesicht vorhanden ist, sondern nur wechselnde Masken des Umgangs und der Akkuratesse, kann auch keines verloren werden.

Der Biß, mit dem Buñuel dem Zuschauer den doppelt gesottenen Charme der Bourgeoisie serviert - und nebenher ein erstklassiges Rezept für einen Martini Extra Dry verrät -, ist in seiner Schärfe und Trockenheit einmalig. Der Film kommt als Wolf im Schafspelz daher. Das Spiel geht soweit, daß man sich ertappt, Sympathie zu entwickeln für die kleinen, gekonnten Gemeinheiten, die der Film den Figuren so schön und geschmeidig in den Mund oder in ihre blasierten Gesten legt. Man spürt das Adrenalin der Schadenfreude durch den Körper schießen und mag auf dieses gemeine, aber exquisite Gefühl kaum mehr verzichten.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2003]