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BABEL / ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

"It`s all over the news. Everybody is paying attention!"

Am Anfang ist die Leinwand schwarz. Man hört Schritte, Atem und pfeifenden Wind. Dann wird es Licht, und der Zuschauer sieht einen Wanderer in der Wüste auf dem Weg zu seinem Nachbarn. Er will ihm ein modernes Jagdgewehr verkaufen, das er von einem japanischen Freizeit-Jäger für treue Dienste geschenkt bekommen hat. Der Nachbar ist Ziegenbauer, mit dem Gewehr könnte er seine Herde vor Schakalen schützen. Schnell ist ein Preis ausgehandelt. Die Söhne des Bauers ziehen mit dem Gewehr und der Herde los - ein verhängnisvoller Handel, denn er löst eine Kette von dramatischen und tödlichen Ereignissen aus.

Schon in seinen beiden ersten Filmen, "Amores Perros" und "21 Gramm", ließ der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu keinen Zweifel an seiner Faszination für schicksalhafte, zufällige Begegnungen zwischen einander fremden Menschen. Alles hat mit allem zu tun, jeder kann auf jeden treffen, lautet seine These. Immer steht ein Unfall oder ein Unglück im Zentrum des Films und wird zum Auslöser einer mehrsinnigen, nicht linearen Erzählung. Mehr oder weniger stark ineinander verwoben, durchziehen mehrer Erzählstränge die Filme, die zusammen eine Trilogie bilden. Spielen "Amores perros" und "21 Gramm" noch an geographisch eng gefassten Orten, verteilt sich die Handlung in "Babel" über die ganze Welt, sie wird global.

Als die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchet) auf einer Busfahrt durch die Marokkanische Wüste von einer Gewehrkugel getroffen wird, erfährt ihr Mann Richard (Brad Bitt) die ganze Hilflosigkeit der internationalen Diplomatie. In einer einfachen Hütte kämpft er um das Überleben seiner Frau, während eine hoch aufgerüstete Nachrichtenindustrie vorschnell von einem terroristischen Zwischenfall spricht. Sie und die fieberhaft ermittelnde Polizei ahnen nicht, dass hinter den Tätern die zwei unbedarften Hirtenjungen stecken, die Schiessübungen mit einem Gewehr vollführten. Die mexikanische Tagesmutter (Adriana Barraza) der in San Diego zurückgeblieben Kinder des Paares besucht derweil die Hochzeit ihres Sohnes in Mexiko. Lange hat sich Amelia auf diesen Tag gefreut, nun wird er ihr zum Verhängnis. Auf der Rückfahrt durchbricht ihr Neffe Santiago (Gael García Bernal) in einem Amoklauf die Grenze und flieht vor der Polizei. Mitten in der Wüste lässt er sie und die ihr anvertrauten Kinder allein in der Dunkelheit zurück. Halb verdurstet auf der Suche nach Hilfe wird sie am nächsten Tag von der Grenzpolizei aufgegriffen und des Landes verwiesen. Der dritte Strang des Filmes handelt von dem gehörlosen japanischen Mädchen Chieko (Rinko Kikuchi), das nach dem Selbstmord der Mutter eine schwere Identitätskrise durchlebt. Sie fühlt sich ungeliebt. Ihr Vater (Kôji Yakusho) ist jener Freizeit-Jäger, der dem Marokkaner das Gewehr schenkte.

In allen Erzählsträngen zeigt sich das Titelthema des Films: Gescheiterte Kommunikation, verhängnisvolle Missverständnisse. "Wir müssen mehr reden!", sagt Richard einmal zu Susan. Die Metropolenlandschaft Tokios bietet dazu ein kontrastreiches Gegenbild zu den Bildern der Wüste und der mexikanischen Vorstadt. Viele Szenen sind assoziativ-motivisch miteinander verknüpft. Dem Mark durchdringenden Schrei Susans in der Hütte folgt die Off-Ton-Stille einer Zahnarztpraxis, in der die gehörlose Chieko sitzt. In einer anderen Szene wird von einem geköpften Huhn, aus dessen Hals Blut strömt, zur angeschossenen Susan im Bus geschnitten. Wie bei dem Kinderspiel "Stille Post" werden einzelne Motive an den nächste Szene weitergegeben und mit neuer Bedeutung aufgeladen.

Der Bibel nach zürnt Gott der Allmachtsphantasie der Menschen und zerstört deren Symbol, den Turm zu Babel. Die Menschen zerstreut er im Sprachgewirr in alle Welt. Wenn sich die Kamera am Ende des Films langsam vom Balkon eines riesigen Wohnhauses in die Tokioer Nacht zurückzieht, ahnt der Zuschauer, dass der Traum vom Turm zu Babel ungebrochen fortlebt. Anfangs- und Schlussszenen des Films zitieren archaische und moderne Lebensformen. Was zwischen ihnen liegt und sie verbindet, sind: Liebe, Schmerz, Glück, Hoffnung, Leben und Tod. Der Film verdichtet diese menschlichen Unversalien zu einem kaleidoskopischen, kunstvoll zusammengesetzten Zeitbild.

Und er enthält sich nicht einer ambivalenten Wertung: Mag sich die Welt immer weiter vernetzen und über grenzenlose Kommunikationsmittel verfügen, so provozieren kulturelle und emotionale Unterschiede weiterhin menschliche Katastrophen. Kleinste Missverständnisse werden zur treibenden Schicksalskraft im Leben der Menschen. In jeder Katastrophe liegt zugleich die Chance einer Erfahrung oder eine Möglichkeit zur Erneuerung. Gewinner sind in dem Film das amerikanische Ehepaar, es überwindet seine Ehe-Krise. Der marokkanische Ziegenbauer dagegen verliert einen Sohn, die mexikanische Tagesmutter ihre Existenz.

[FILMESSAY FÜR TASCHEN / 2011]