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EDIT / STRANDHAUS

Das erste Mal seit der Rückkehr wehre ich mich nicht gegen den Anlauf der Vergangenheit, sondern billige der Zeit Raum zu und dem Raum Weite. Es ist ganz leicht, ich öffne wieder die Terrassentür und trete noch einmal in den Garten. Ich nähere mich dem fragwürdigen Zaun, den man zwischen uns und den Strand gezogen hat, und sehe, wie die Flut heranrollt. Ich höre das Tosen der Wellen, die sich mit jedem Lauf stärker an Land werfen, dann wende ich mich um und betrachte durch den Sucher das kleine Haus mit dem Schieferdach. Alle Türen und Fenster sind weit geöffnet, der helle Vorhang oben im Schlafzimmer bewegt sich leicht im Wind, du bist nicht zu sehen, und doch weiß ich, dass du hinter diesem Vorhang stehst und auf den Stuhl steigst.
Den Weg zurück in die Zeit, mit diesen Bildern, mit diesen Worten. Manchmal ist es da, und ich stehe immer noch dort, wo ich damals stand. Dann erscheint es möglich, und auch du bist da, wieder in dem kleinen Strandhaus, auf dem Balkon sitzend und die Fingernägel pflegend, den Kaffee kochend, die gesammelten Muscheln auf dem schweren Tisch ausbreitend, oder mit nichts als dem Badeanzug am frühen Morgen in Richtung Wasser zum Schwimmen. Aber dann stehst du mit einem Mal wieder hinter dem Vorhang, der ein wenig aufbauscht, als habe jemand die Zimmertür geöffnet und Zug ginge durch das Haus, und ich bin hier und betrachte aus lächerlicher Gewohnheit das Handwerkliche und die technische Ausführung der Fotografien, auf die ich gestern Abend beim Aufräumen stieß, und es scheint, als wäre nichts geblieben außer gewaltsames Vergessen und diese wenigen Bilder.
Was auch immer an diesem Tag geschehen ist, ich sehe eine Art weißflackernden Film, aus dessen verkürzten Szenerien du schmerzverzerrt heraustrittst. Der endlose Strand, das Haus direkt am Wasser, der Wind und das strähnige, dir ständig übers Gesicht wehende Haar, der Leuchtturm am äußersten Ende der Landzunge, nicht zufällig im Hintergrund, wie ich jetzt ahne. Du sprichst, ohne dass die Worte je herüberkommen könnten, nur die zuflüsternde, zittrige Hand, die dein Haar von den Augen fernhält, der direkte Blick ins Objektiv, die ganze Täuschung der Aufzeichnung. Es scheint, als hätten die Bilder bis heute im Entwickler gelegen, als hätten sie die ganze Zeit über auf diesen Augenblick gewartet, der sie ihrem Ursprung zurückgibt, als seien sie erst jetzt bei dem angekommen, was sie immer gesucht haben, hinter dem Vorhang, hinter den Gesten, hinter dem unverstellten Blick.
Ich wandere weiter um dich herum, betrachte dich noch einmal, aber jetzt von fern her, oder doch von ganz nahem, denn du lächelst und ich lächele seltsamerweise zurück, und ich sehe dich gegen den Wind schräg davongehen oder im Wasser stehen, die Hand verbogen in die Hüfte gestemmt und den Blick in die Ferne gerichtet, und ich beginne langsam zu verstehen, weshalb diese Fotos, weshalb dieses Haus und das Zimmer oben mit dem Blick auf das Meer. Einmal, da stehst du auf einem weißen Balkonstuhl, reckst dich in kurzen Hosen in die Höhe, um mit einer Rasierklinge zerquetschte Mücken von der Zimmerdecke abzulösen. Man sieht deinen nackten, flachen Bauch unter dem hochgerutschten Pullover, man erkennt deine angespannten Oberschenkel, die durchgedrückten Knie. Unter den dünnen Streben des Balkongitters erstarrt der Wohnraum in Dunkelheit. Deine Körperlinie im leichten Winkel zu den geöffneten Flügeltüren und dem bis zum Boden reichenden Vorhang, abweichend, ausbrechend, fliehend aus dem strengen Gefüge aus Raumtiefen, Licht und vorauseilenden Schatten. Die Wendeltreppe, die im Dunklen lautlos aus dem Bild führt. Überhaupt öffnet sich das Bild, je näher ich es mir vor Augen hole, wie Blaubarts letztes Zimmer.
Wieder dein Bauch und die durchgestreckten Beine. Das lange, noch feuchte Haar, der schwarze Ledergürtel, weil der Hosenbund zu weit ist. Die Bücher auf dem Terrassentisch, die Milchkaffeeschalen, die Zigaretten, wie flüchtig hingeworfen. Du stehst ganz oben im Zimmer, die Treppe unter dir, du bräuchtest sie nur zu nehmen und verschwändest hinter der spiegelnden Terrassenscheibe, vielleicht war es so.
Du gehst über den Strand, wendest dich um, nun rückwärts, ich folge dir mit der Kamera, du kommst näher, eine bekannte Geste mit der Hand und dann jene Verzweifelung des Gesichts mit dem echten Blinken großer Zähne. Doch dann dieses Bild des in die Länge gezogenen, nackten Bauches, von unten gesehen, der schon wahrnehmbare Brustansatz, der Stuhl, auf dem du stehst und dich nach oben streckst, ich kippe dich vorsichtig in die Horizontale, und hier endet alles schlagartig, und mir bleibt nichts anderes, als verrückt zu werden. Die Worte und die Bilder, die den Blick in die Tiefe beschwören, ohne dass die Vergangenheit jemals hervorkäme, nur dieser in sich gewundene Zirkelschlag der Zeit, der unhintergehbare Augenblick, der sich aufbauschende Vorhang, das schmiedeeiserne Gitter des Balkons, der umgefallene Stuhl, die noch immer zuflüsternden Hände.

[EDIT - PAPIER FÜR NEUE TEXTE / NR. 28 / 2002]