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BELLATRISTE / SPURWECHSEL

Was du noch nicht wissen kannst: am Ende dieser Reise wird sich etwas verändert haben. Etwas, das zuvor unauffälliger Durchgang durch die Zeit gewesen ist, wird sich festschreiben und Gestalt annehmen. Aber weder die Dinge, die den Rahmen dafür geben, was du bislang gewesen bist, noch du in deiner selbst werden durch diese unerwartete Beschleunigung des Raumes verändert zum Vorschein kommen. Bei aller Wiederholung des Gleichen wird die Zeit nur in einer grellen Synkope aufscheinen wie das vom Lichtblitz erhellte Graffiti inmitten des durchrasten Eisenbahntunnels. Dann wird erneut alles zu Gewohnheit erlischen, ohne spürbaren Anteil an den Dingen und an deinem Leben. Doch eben jene Wirklichkeit, die dem eigenen Spiel mit immer neuen Spielregeln auflauert, mit all den Täuschungen des objektiven Erscheinens und der geradlinigen Bewegung, wird dir dann, hinterrücks, selbst wenn du das nicht wahrhaben willst, die Frage stellen, weshalb du im entscheidenden Augenblick des Durchgangs von einem zum anderen nicht bereit gewesen bist für die Einmaligkeit des Spiels. Es könnte sein, und du wirst es möglicherweise erleben, wie der Sekundenzeiger für einen Augenblick die Laufrichtung ändert, zurückspringt und damit die Zeit in Frage stellt. Möglicherweise wirst du dann nicht aus dem Zugabteil steigen, die Reisetasche tragend den Bahnhof verlassen und wie gewohnt eine halbe Stunde später zu Hause ankommen, ohne bemerkt zu haben, in welchem Moment die Zeit, ohne auszufallen, ausfiel und der Gang der Wirklichkeit, ohne zurück zu bleiben, zurückblieb.
Vielleicht wird dann alles anders sein als jetzt, in dieser Zwischenzeit jenseits eines Angekommenseins und vor der Erwartung des üblichen Nächsten, genau genommen in einer Zwischenzeit vor der Zwischenzeit, gleichzeitig in und vor diesem gut eingerichteten Zustand des Wartens und der Vorbereitung des Neuen. Du bist mit dem Zug gefahren, hast den Platz wechseln müssen, um nicht zu einem silbrigen Element eines Kettenrauchers vor dir zu werden, in dieser klebrigen Luft aus Rauch und Kunststoff, diesem Geruch von verschmortem Kabel und verbranntem Stoff. Du hast aus dem Fenster geblickt, überschwemmte Wiesen und strudelnde Wasserschnellen gesehen, du hast selbst die Luft verräuchert, das Buch aus der Hand gelegt und die Bahnhöfe in ihrem trostlosen Regenbild an dir vorbeiziehen lassen. Du wähltest einen Fensterplatz entgegen der Fahrtrichtung und ließest deine Gedanken mit dem Blick in die Landschaft schweifen, du schicktest sie zurück in die Zeit und holtest sie im Gestern ein. Du gabst ihnen erneut freien Lauf und ließest sie unbekümmert fliegen im Raum. Entlang des perspektivisch verzerrten Bahndamms sprangen die Szenen des Vortags vom Fahrtwind aufgescheucht aus den zurückweichenden Ästen, all diese gerade vergangenen, unmittelbaren und ziellosen Bilder eines durch die Landschaft eilenden Assoziationsstranges. Das lockere Laub an den dünnen Ästen vor dem Fenster aufwirbelnd, dicht an dir vorbeipeitschend, Momente lang Darbietungen einer diachronischen Schau des Lebens wie der unkontrolliert und ungeordnet durch die Luft schießende Stapel eines aus der Hand springenden Kartenspiels. Pik As, Herz Dame, Kreuz König, Karo Sieben, zufällige Aneinanderreihungen und Wiederholungen des Alltäglichen in einem einzigen lang gezogenen Bild zusammengestaucht, aufscheinende Erinnerungsfetzen der Gewalt, willkürliche Farbspiele der Zuversicht, stumme Schattenrisse des Gewesenen, wie aus einer überbelichteten Passage der Bewegung geisterhaft hervortretend, später leise in das Halbdunkel eines zu vertiefenden Raums zurücksinkend, ohne die übliche Zeit, ohne die gewohnte Hast, ohne die ständige Ungeduld des noch nicht Angekommenseins. Aber dann wieder nur ein Gehöft nach dem anderen, kurze Durchblicke durch das Begrenzungsgrün hinaus in die Tiefe der Landschaft, der graue Kiesteich, die einsame Baumreihe, eine zerschnittene Straßenflucht voller Menschen, gegenüber auf der anderen Seite des Bewegungskanals die Ferne eines steinernen Monuments auf der Bergkuppe, Wolken umzirkelt, verharrend am Platz.
Du bist ganz ruhig auf dieser Fahrt, läßt dich in das Losgelassene des Dahineilens fallen wie in den allabendlichen Gedankenrausch in einem Liegestuhl mit Blick auf das Meer. Im Moment des Ausruhens setzt sich eine andere Zeit vor dich hin, dich herausfordernd ansehend, um sich mit einer gleichermaßen unmöglichen wie geschmeidigen Bewegung in Gegenwart zu verwandeln, in ein einziges spiralförmiges Bild, eingewunden in die Wirklichkeit und nicht wie zufällig aus ihr hervorgesprungen, von der Sehne der Vergangenheit geschnellt und mitten im stehenden Flug blinkend. Mit großen Augen blickst du auf diese einnehmende Darbietungskünstlerin einer anderen Zeit, die sich dir gegenüber gesetzt hat und die dich, ohne ein Wort zu sagen, unverwandt ansieht, die dich auffordert zu sprechen, endlich zu handeln, nicht länger zu schweigen und zu taktieren, dich zu verstellen und die Dinge schön zu reden. In diesem gegenseitigen Betrachten erklärt sich dir das Zeitliche der Zugfahrt mit einem Mal als etwas Einholbares, Leichtes, Schwebendes, als ließe sich die beschleunigte tonnenschwere Masse problemlos aus dem Gleis wuchten, rechtzeitig zum Abheben bringen vor der nahenden Tunneleinfahrt.
Du nimmst dir vor, genau dort einzugreifen, sobald du zu Hause bist, dieses Spannungsmoment aufzunehmen und den Zug fliegend durch den Tunnel zu bekommen, durch diese Nacht mit dem grellen Bild an der Wand. Du erkennst, daß dir ein Schauspiel geboten wird, in das du selbst verstrickt bist, denn das bist du gewesen, der dort saß und von den Bildern durchquert wurde, so wie der Zug die Landschaft durcheilte bis zu dem Tunneleingang. Du beschließt, einen Part zu übernehmen in diesem Bewegungsschauspiel, Zenons Pfeil zu sein. Du kommst von dieser Reise nach Hause und bemerkst diese Schwebe, einem Zeitstrudel gleich, das Ringen um eine festzuschreibende Rolle, das Schreiben dieser Rolle, die Suche nach dem entscheidenden Augenblick, dem anhaltenden Moment, eine in der Luft stehende Bewegung zu sein. Du siehst, wie vor deinem schläfrigen Auge ein kurzes Aufschrecken der Farbe stattfindet, wie ein von Geschwindigkeit und Blitz überraschtes Chamäleon mit weit aufgerissenen Augen an der Tunnelwand deinen Blick kreuzt, ein erbleichendes Chamäleon, das keine Zeit besitzt, sich dem kalt schießenden Phasenlicht anzupassen oder ihm auszuweichen. Du merkst, wie plötzlich ein Knoten geschürzt wird, wie Dinge zusammenlaufen, die vorher getrennt verliefen, ein jedes in seiner Spur, und dir bleibt nichts anderes mehr übrig, als die unmöglichste aller Bewegungen zu wählen, die einer nicht meßbaren in der Zeit. Du bist inmitten des Tunnels, bist dieser fliegende Stillstand im bewegten Raum, und ein aufblitzendes Schlaglicht trifft auf deinen reglosen und ausgekühlten Körper an der Tunnelwand.

[BELLATRISTE / NR. 3 / 2002]