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GIDDY-HEFT / ODE AN NICO

Das Nico-Jahr ist angelaufen - und schon sprießen überall die Nico-Stilblüten aus der Wiese des Pops! Man achte nur auf all die hellblonden Kleopatraschnitte unter den deutschen Supermodels! Leider bleiben Giraffe Auermann und Bergisch Klum mit ihren Nicocuts weit hinter dem Original zurück. Die Akkuratesse des Formschnitts schießt einfach über das Ziel hinaus.

Spätestens am 18. Juli starten die großen All-Tomorrow’s-Next-Nico-Parties, da jährt sich der Todestag zum zwanzigsten Mal. Damit nicht genug, geht die Feier am 16. Oktober erst richtig los: An diesem Tag wäre Nico kaum vorstellbare 70 Jahre alt geworden. Ihre Asche ist im Berliner Grab der Mutter beigesetzt. Zuweilen begegnet man im Grunewald einem verirrten Kondolenz-Grüppchen. Das Grab befindet sich - kein Scherz - auf dem Friedhof der Namenlosen! Das passt, denn im Grunde ist Nico zeitlebens dieses große fremde Mädchen mit der tiefen Stimme und dem unnachahmlichen Haarschnitt geblieben. Geboren wurde sie unter dem Namen Christa Päffgen in Köln. Es gibt ihn also, den Zusammenhang von Mädchen und Köln, auch wenn er hier und da angezweifelt wird!

Nico, die Größte und Unerreichteste unter den künstlerisch Entrückten, entzog sich von jeher der Nachahmung, daran wird sich nichts ändern. Stimme und Biographie dienten ihr von Anfang an nur zur Inthronisation eines überirdischen Molls, umgleißt von einer Aureole reinsten Blonds. Dazu diese perfekten Gesichtszüge - wie geschnitzt! Wangenknochen von einer mongolischen Grazie, die selbst die größten Wildkatzen in die Flucht schlugen. Ein Mund, den Oscar Wilde nicht besser als durch den Satz von der Imitation der Kunst durch die Natur hätte beschreiben können. Graugrün leuchtende Augen, die den Teufel in schmerzverzerrten Liebesseufzern dahin kriechen ließen.

Nico war nicht von dieser Welt, sie entsprang einem Paralleluniversum - und in dieses kehrte sie noch zu Lebzeiten heim. Indem sie - wie auf ihren letzten Konzerten - einfach mit großen starren Augen über das pöbelnde Publikum hinweg in Richtung Absentia blickte, schoss sie wie ein Lichtstrahl über alle irdischen Höllenkreise der künstlerischen Erniedrigung hinaus. Nico war sich selbst und ihrer Kunst absolut genug. Im Grunde benötigte sie gar kein Publikum. Keine Frage, das Heroin hat sie früh alt und schwerfällig wirken lassen, aber man sollte sich nur einmal ihre Interpretation von David Bowies Heroes gönnen, um zu kapieren, welcher Unterschied besteht zwischen einem pubertierenden YouTuber unter der Kinderbettdecke und einer Königin gelassen hinklagender Wehmut.

Sie begann traumhaft. Als Berliner Mannequin ging sie für Vogue und Chanel nach Paris. Es folgten Filmauftritte in Fellinis "La Dolce Vita" und Minellis "The Sandpiper". Eroberung der New Yorker Club- und Kunstszene: Bob Dylan, Jimmy Page, Warhols Factory. Schließlich Eyecatcher von The Velvet Underground. Lou Reed spürte schnell: Dieses Mädchen mit dem größten aller Großkatzenschädel stiehlt allen die Show! Also fing er etwas an mit ihr, um sie doch nur fallen zu lassen. Zum Glück startete sie eine Solokarriere. Hekatomben gleichaltriger Heimchen landeten vor einer Pfaff-Nähmaschine - sie setzte sich hinter einen ähnlich großen und per Pedale zu tremolierenden Kasten, dessen Sound im Duett mit ihrer Stimme von der Wiederbelebung des Mittelalters durch die Eiseskälte von Luftschutzkellern kündete. Das Harmonium wurde ihr treuester Begleiter. Sie selbst folgte Philippe Garrel in den Drogen- und Filmexzess.

Nur einer Einzigen gelang es einmal, Nico nahezu perfekt zu covern: Jean Seberg. Irrwitzigerweise mit jenem legendären Kurzhaarschnitt, den sich die À-bout-de-souffle-Aktrice von den betörenden Nico-Schwarzweißfotos von Jeanlup Sieff aus dem Jahr 1956 abgeguckt haben muss. Von solchem Sexappeal sind unsere Supermodels noch Lichtjahre entfernt!

[GIDDY-HEFT / NR. 3 / 2007]