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GIDDY-HEFT / ODE AN EMMANUELLE

Es muss im Spätsommer `83 gewesen sein! Wir waren hinter den ganz harten Sachen her. Ich hatte Glück, mein bester Freund besaß einen relativ uneingeschränkten Zugriff auf die Videosammlung seiner älteren und sehr viel älteren Brüder: Obstkorborgien, Doppelpenetrationen, Fisting - es war schon richtig ekelhaft! Irgendwann schoben wir zur Abwechslung eine von den Emmanuelle-Kassetten in den Rekorder, ich glaube es war "Goodbye, Emmanuelle", eine französische Produktion aus den Siebzigern mit Sylvia Kristel und Umberto Orsini. Eine bekannte Stimme weckte sofort unser Interesse! Das war doch der Typ von "Je t` aime", aber was sang der hier?

Emmanuelle, Emmanuelle, Emmanuelle, Goodbye Emmanuelle aime les caresses buccales et manuelle. Emmanuelle aime les intellectuels et les manuels. Emmanuelle, Emmanuelle, Emmanuelle, Goodbye

Ja, so kennt man Serge - genuscheltes Mantra und personifizierte Gelassenheit! Der Film dagegen ließ zu wünschen übrig, wir waren einhellig der Meinung, dass hier entschieden zu wenig gefickt wurde. Auch missfiel uns der Weichzeichner. Immerhin waren wir harte Jungs, wenn auch noch Jungfrauen. Wir machten unsere Witze über den dünnen, neuen Lover von Emmanuelle, irgend so eine Regisseursschwuchtel, und bekannten uns zu dem eifersüchtigen Gatten. Der hatte nicht nur Ähnlichkeit mit Raimund Harmstorf, sondern grinste auch genauso wie unser viel bewunderter Fußballtrainer.

So richtig überzeugt vom Prinzip der freien Liebe war ich damals nicht. Und das Ende des Films gab mir Recht, denn Emmanuelle verknallt sich doch tatsächlich in diese Regisseursschwuchtel und lässt Jean einfach auf den Seychellen zurück. Wo bleibt denn da das Prinzip der freien Liebe, wenn man sich einfach in einen anderen verballert und mit ihm durchbrennt? Dann braucht man ja die freie Liebe nicht! Aber Jean grinste sich eins und vertrieb sich daraufhin mit einer Freundin von Emmanuelle die Zeit. Gut gemacht, Jean! Im Zweifelsfall nicht nur dialektisch denken, sondern auch dialektisch handeln!

Viel Zeit ist seither vergangen. Und doch verfolgt mich dieser Emmanuelle-Film wie ein Gespenst. Denn immer wenn ich mich mit einem Mädchen zum nachmittäglichen Musizieren oder abendlichen Art-Film-Gucken verabrede, kommt mir dieser entschlossene Abgang Emmanuelles in den Sinn, dieses lässige Abstreifen der Liebe zu Jean für eine völlig lächerliche Romanze mit einer Pariser Regisseursschwuchtel.

Damals hatte ich für Emmanuelles Alleingang noch keinen Sinn, doch heute wünschte ich mir, es gäbe mehr von dieser Sorte Frauen, die für einen mittelprächtigen Typen tatsächlich alles stehen und liegen lassen, nur um einer fixen Idee nachzujagen und einer plötzlichen Leidenschaft nachzuspüren! Frauen wie Emmanuelle, Frauen mit Charakter! Nicht diese oberflächlichen Glühwürmchen, die zwar hervorragend singen und herzzerreißend mitfiebern können, wenn man sich mit ihnen in der Mitte einer Nacht trifft, am Ende aber doch nur auf der Suche nach einem Zeitvertreib sind.

Ach ja, les temps - oder wie es im ersten Teil von Emmanuelle heißt: "L`amour est érection, pas orgasme!"

[GIDDY-HEFT / NR. 2 / 2007]