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BLOGGA / DER PRÄPARIERTE AUGENBLICK

Diese präparierte, verschworene Gemeinschaft kafkaesker Hungerkünstler. Ihre tägliche Speise: Unentwegte Geduld. Sie stehen da, als blickten sie aus der Welt hinaus auf einen fernen Stern. Als sähen sie etwas jenseits der Glasscheibe im Dunkel des Ausstellungsraums. Was sehen sie? Worauf warten sie? Auf den Moment der Wiederauferstehung? Tiere blicken aus toten Augen durch dich hindurch. Im Naturkundemuseum, vor gemalten Kulissen. Wildtiere der Eifel. Sie stehen im Gestrüpp von Reisig, ausgedörrtem Gras und im künstlichen Schnee. Eine Rotte Wildschweine durchwühlt jahrtausend alte Vulkanerde. Tauben, Enten, Schwalben stehen fliegend in der Luft. Wie vom Gewitterblitz getroffene Kamikaze stürzen sie vom Himmel. Immer wieder, unentwegt. In einem fort bricht die Wildkatze dem Eichhörnchen das Genick. Hier gilt nur eine Regel: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren!

In diesem Fell, unter diesem Gefieder steckte einmal Leben. Jetzt stecken dort Draht, Holzwolle und Spezialschaum. Der Präparator lässt die Wildkatze fauchen. Sie zeigt der Wirklichkeit ihre spitzen Fangzähne. Der Eber knallte einst gegen ein Auto, seitdem steht sein linker Hauer schief. Jedes Bild wird zur Anmutung, wenn du den Moment erwischst, in dem das Leben dem Tod ein Schnippchen schlägt. Lass dich täuschen vom Trompe l`œil der Landschaft, versteh sie als lebendigen Hintergrund! Fokussiere den Hasen, verwische das Geäst! Aber wenn du abdrückst, denke daran: Ein Blattschuss wird hier zur Frage des perfekten Ausschnitts. Einen Millimeter daneben - und du rennst deiner Beute ewig hinterher.

Sogar die Augen der Rehe sind falsch, diese reinen, schwarzen Augen. In der Schublade des Präparators kullern sie zu Hunderten umher. Eine einzige dunkle Woge der Melancholie. Auf ein Zwinkern kannst du lange warten. Und auf ein Grunzen, Fiepen oder Röhren hinter den Glasscheiben auch. Das vom Licht überflutete Vakuum der Vitrinen löscht jedes Knacken im Gehölz, jedes ruhelose, noch so kleine Nagen einer Wühlmaus an der Haselnuss. Der Tod kommt immer noch auf leisen Sohlen. Egal ob eine Schulklasse vor dir tobt oder ein Handy in der Tasche vibriert. Selten waren die Bilder so leise, so ganz ohne Gehör. Am besten nimmst du den Anruf gar nicht entgegen, sonst verpasst du den entscheidenden Augenblick. Das schmatzende Objektiv beim Auslösen weckt die Geister wie von selbst. Da stehen sie dann, überrumpelt vom Augenblickstod, ins Herz getroffen von einer Ladung digitalen Pixelschrots.

Aber täusche dich nur nicht! Diese Tiere sind perfide Schauspieler, passionierte Nachtschwärmer, genau wie du. Wenn das Licht im Museum gelöscht wird und der Präparator nach Hause geht, dann regt sich der erste Schatten. Die Nacht kriecht heimlich im Hintergrund den Himmel herauf, während die fernen Städte ihre milchfarbenen Lichthauben in die Höhe plustern. Da geschieht das ganz und gar Unerwartete: Die Tiere verlassen die Plätze, sie strecken ihre Glieder, sie putzen sich das Gefieder und eilen quer durch den Raum. Ihre Geduld hat uns Neugierige besiegt. Sie folgen dem Horn des letzten Halalis und geistern unsichtbar durchs Museum. Dir kann es egal sein, denn an den Sandmann glaubst du schon lange nicht mehr!

[BLOGGA / MAGAZIN FÜR NETZ-KULTUR / 2005]