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MACONDO / ASPYHXIE

Als die Lichter ausgingen, atmete das Dunkel drei oder vier Sekunden lang, übernahm das Dunkel das Atmen für ihn, fand aber zu keiner Luft, durchbrach nicht wie geplant den grau verhangenen Himmel über Frankfurt, tauchte nicht wie gewohnt auf in gleißendem Licht, in weiter Bläue über einem prallen, weißglänzenden Wolkenbett, sondern erstarb, ohne einen Blick in die Weite geworfen zu haben, noch am Boden.
Dem Druck über sich hatte er nichts entgegenzustemmen. Man drückte ihn tief hinab, mit dem Kopf zwischen die zuckenden Knie, vornüber, mit dem Integralhelm gegen die vordere Sitzlehne gepresst; eingeklemmt zwischen zwei Beamten, einer rechts von ihm, einer links, von beiden Seiten auf ihm liegend mit ihrem ganzen Körpergewicht, zwei junge Männer, die jetzt erleichtert waren, daß sein Widerstand erschlaffte und er sich in das Unabänderliche fügte und der Start erfolgen konnte.
Über die Bordanlage kam zischelnd die Stimme des Flugkapitäns, zuerst in deutsch, dann in englisch, man habe Starterlaubnis erhalten, die Wetterlage sei gut, die voraussichtliche Flugzeit betrage viereinhalb Stunden, planmäßige Zwischenlandung in Kairo um 22.15 Uhr, er wünsche allen Gästen einen angenehmen Flug.
Ageeb saß nun aufrecht. Die Augen weit aufgetan, den behelmten Kopf zur Seite an die Sesselstütze gelehnt, blickte er regungslos an dem Beamten vorbei aus dem kleinen Oval des Bordfensters. Die Maschine beschleunigte, er spürte das Ruckeln und unruhige seitliche Ausbrechen der immer schneller werdenden Maschine, dann beschrieb die fliehende Landschaft im Fensteroval einen strengen Knick, breitete sich flächig aus, und das Flugzeug hob energisch ab.
Er kannte dieses Gefühl bereits von früheren Flügen her, er mochte den Augenblick des Abhebens und Aufsteigens. Der Druck ging ihn gleichmäßig von vorne an, preßte ihn fest in den Sitz hinein, den Körper weit nach hinten kippend, schnell aufsteigend in die Luft, steil nach oben und immer höher steigend bis zu den ersten Schwaden der Wolkengrenze. Ganz anders als der spitze Griff von hinten ins Genick, den Kopf tief zwischen die Knie gezwungen, der plötzliche Knauf eines hartknochigen Ellenbogens im Rücken, dann die Atemnot und das Aufbäumen, beantwortet durch noch mehr Gewicht und noch weniger Atem, Panik und Verkrampfen, ein einziges Verspannen des Halses und plötzliches Lähmen der Bauchmuskeln, und dann nichts mehr, als hätte jemand einen Schalter auf Schlaf gestellt, als sei man durch die unruhige Wolkendecke gebrochen und flöge nun hinaus in eine sich schwarzblau ausbreitende Nacht.
Surreal mutete die Landschaft an, über die die Maschine ruhig und folgsam hinwegging. Unwirklich die Wolken in ausgeblichenem Königsblau glänzend, eingeteilt in getrennt aufquellende Sektionen, parallelgestreiftes, über die hellen Flügel hinausschießendes Schwarzlicht, an seinen Rändern unregelmäßig ausgefranst, rhythmisch bis zum Horizont verlaufene Facetten eines riesigen plüschigen Schaumteppichs, dazwischen immer wieder tiefschwarze und undurchdringliche Flächen, drohende Abgründe hinunter in eine endlose, steile Tiefe, sich auftuende schwarze Löcher im losen Verbund der Haufenwolken, lichtlose Durchlässe eines übergroßen Wattebausches am Himmel, in den hinein in unregelmäßigen Stößen schwarze Tinte schoß, galleartiger Saft aus einer fleckig angelaufenen, rußsilbrigen Spritze.
Ein kurzer schwungvoller Ton erklang und das rote Licht der Piktogramme über den Sitzen erlosch. Reihum war das metallische Klicken der aufspringenden Gurte zu hören, die Stewardessen begaben sich zur Küche und bereiteten die Rollwagen vor. Einer der Beamten blickte um sich, warf kurze Blicke auf die auf Abstand gebetenen Umsitzenden. Jemand erwiderte über eine Zeitung hinweg den Blick, nur einen Augenblick lang, lange genug aber, um sich wieder abzuwenden.
"Möchten Sie etwas trinken?", fragte die Stewardess, "Cola, Wasser, oder vielleicht Wein?"
Wie hätte sie wissen können, daß Ageeb am liebsten eine Cola gehabt hätte, dunkel klebrig, prickelnd kühl, Coca Cola mit einer frischen Scheibe Zitrone.
"Wasser bitte!", antwortete einer der Beamten.
"Und Sie?"
"Orangensaft!"
Die Stewardeß schenkte das Wasser und den Orangensaft aus, dann stellte sie noch eine separate Flasche Wasser hinzu und einen Becher.
"Falls er Durst bekommt. Sie könnten ihm ja etwas Wasser geben, geht das?"
"Ja, schon recht", antwortete der Beamte.
"Danke"!
Die Beamten machten keine Anstalten, seine Fesseln zu lösen. Sie hätten sie vollständig lösen, gar durchknipsen müssen, denn es waren Kabelbinder, Schlaufen aus Plastik mit einem bestimmten, nur in eine Richtung funktionierenden Verschlußmechanismus. Das Risiko war zu groß, sie waren informiert und gewarnt worden, der Rest ergab sich aus Routine. Sie hatten ihn, so wie sie es in den Kursen immer übten, fachmännisch an Hand- und Fußgelenken gefesselt und mit weiteren Bindern um den Körper herum gesichert. Er würde keine Anstalten machen, nicht ohne sofort durch zwei gezielte Handgriffe eines besseren belehrt zu werden. Den Helm setzten sie ihm auf zu seinem und zu ihrem eigenen Schutz, damit sie nicht wieder in die Finger gebissen werden würden.
Längst spürte er die Fesseln nicht mehr, seine Hände lagen taub und schlaff vor der Magengrube, die Füße schliefen ihm, ohne zu kribbeln, ein. Ihm war auch nicht kalt, da ihn eine Decke bis zur Schulter verhüllte. Es war allenfalls schwierig, die Balance zu halten, nicht zur Seite zu fallen auf einen der Beamten neben ihm, denn der Helm hatte sein Gewicht. Aber er wollte unbedingt weiter aus dem Fensteroval blicken, mit dem Blick in die Ferne schweifen, mit den plusternden Wolkenformationen ins Träumen kommen, sich den Bildern und Luftströmen ausliefern. Wann hatte er in letzter Zeit soviel Raum um sich gehabt?
Die Wolken schienen auf einer Reise ins Nichts zu sein, auf einem langen Weg hinaus aus der Zeit, in eine Gegend ohne Vergangenheit oder Zukunft. Es hatte ihm nichts ausgemacht, in ein fremdes Land zu gehen, man konnte sich an die Kälte gewöhnen, den Winter überstehen, die Tagesabläufe brachten dies von selbst mit. Es war eine Frage der Gewohnheit, das Essen wäre nicht einmal schlecht, schrieb er in einem Brief, und es schmeckte ihm auch mit der Zeit. Nur daran, daß man ihn nie wahrnahm, daran konnte er sich schlecht gewöhnen. Die Blicke gingen an ihm vorbei, als sei er Luft. Sein eigener Blick litt darunter, die Tage und Nächte verschwammen. Auf der anderen Seite wurde man nie in Ruhe gelassen, ständig gab es etwas zu regeln, anzugeben oder auszufüllen. Nichts gehörte einem selbst, immer wieder kam es zu Verdächtigungen. Alles war unwirklich und hatte keine Gegenwart, keinen eigenen Raum, in den hinein sich etwas hätte ergeben können, besondere Zufälle oder eine Zukunftsperspektive jenseits des Stillstands. Am allerdeutlichsten wurde ihm das Vakuum, in dem er lebte, bei Begegnungen mit Mädchen, die ihn nach Dope fragten, anfingen zu kichern oder so taten, als seien sie wer weiß wie erwachsen.
Er dachte an das blonde Mädchen in der U-Bahn zurück, das sich ihm halb gegenüber an die Tür gestellt hatte, das Profil ihrer langen Nase, die spitzen Brüste unter dem T-Shirt, die Sandalen, der dünne Rock, die braungebrannten Knie. Später in der Verhandlung sah sie anders aus, die Haare streng zurück gebunden, Brille, gepflegtes Kostüm, Strümpfe, sie wirkte älter jetzt und trug eine dunkle Ledertasche, aus der sie Akten entnahm und auf den Tisch legte. Den der Staatsanwaltschaft. Begegnungen mit Mädchen hatte er nur flüchtige, nie länger als kurze Augenblicke, meistens auf der Straße oder in der U-Bahn. Dieser Wechsel der Anläufe hatte ihn verwirrt, am Ende nicht mehr losgelassen, immer mit sich allein. Jetzt saß er in der Zelle und bekam Angst. Zu Hause, das wußte er, würde man mit dem Finger auf ihn zeigen, er sei ein Schwächling, könne nicht für die Familie sorgen, habe keine Frau und keinen einzigen Sohn. Eine Schande.
Es gab andere, er hatte ihre Narben gesehen. Auch sie warteten auf einen Flug, nur wollten sie lieber sterben, als wieder zurück zu müssen. Sie hatten ihm erzählt von den Polizisten und den Schlagstöcken, den Elektroschocks und den Kellern. Überall schien es gleich oder zumindest ähnlich zu sein. Aber das war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, man konnte es nur ahnen, so wie man nie wußte, wann wieder jemand aus dem Schlaf gerissen werden würde, abgeführt, verhört, bedroht und dann genauso überraschend wieder freigelassen. Es konnte jederzeit passieren, aber das wäre aushaltbar gewesen, wenn man nur die Chance gehabt hätte, sich zu wehren. Wenn man die Freiheit besessen hätte, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, eine einzige Perspektive wenigstens, etwas, das den ewigen Kreislauf von neuer und alter Macht durchbräche, nicht wieder in leeren Versprechungen endend oder in neuen Repressionen, die Schrauben fester angezogen und das Glück nur bei den anderen.
Er hatte keine Zeit in Ruhe aufzuwachen, man rüttelte ihn wach, führte ihn endlose Korridore entlang, vorbei an verschlossenen Türen, hinaus auf das Rollfeld. Er spürte das häßlich aufpeitschende Wetter, den grauen Himmel, die rückwärtsschlagende Zeit. Diesmal hielt er das Unabänderliche nicht aus, er wehrte sich, aber die Beamten brachten ihn zu Boden, verschnürten seine Hände vor dem Körper, dann stülpten sie ihm den Helm über den Kopf. Dumpf hörte er die Triebwerke dröhnen. Er stolperte die Gangway hinauf, fiel auf einen Platz gleich hinter der Tür, jemand drückte ihn kräftig vornüber, den Kopf zwischen die Knie, bis die Luft wegblieb. Einmal noch der Versuch, sich aufzubäumen, dann nichts mehr, alles auf Schlaf gestellt, den Blick zur Seite aus dem Oval hinaus in die Ferne, die lichtlose Gegend.
Beruhigend jetzt die Wolken, die abendrote Landschaft vor dem Auge, getönt in einen samtigen Glanz, die vollen und weichen Betten des Himmels, zum Hineinspringen und Austoben, zum Augenschließen und Einschlafen, sich Fortträumen, hinaus aus der Zeit, weit ins Weiße, nur nicht zur Seite fallen, die Balance verlieren und einfach umkippen.

[MACONDO / NR. 9 / 2003]