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SCHARLI BALLLON / POSTMORTALES AUFBREZELN

Die Zeit ist abgelaufen für den Palast der Republik, er ist hin! Schon erwächst aus seiner Ruine ein exquisiter Kadaver. Er wäre nicht der erste mächtige Symbolträger, der in die Fänge der karnevalistischen Verkehrung gerät. Totgesagte leben bekanntlich länger - im Karneval geht der Tod sogar mit dem Leben schwanger.

Gefeiert wird im Karneval seit jeher der Übergang, der ewige Kreislauf des Lebens, das Ineinander von Werden und Vergehen. Der russische Literatur- und Kulturwissenschaftler Michail Bachtin hat den Begriff von der Karnevalisierung der Literatur hoffähig gemacht. Karnevalistische Kategorien wie "Profanation", "Exzentrizität", "umgestülpte Welt, Ambivalenz, Mesalliance von Hohem und Profanem" finden sich auch in der Serie "Postmortales Aufbrezeln" - übersetzt ins Medium der künstlerischen Fotografie.

Masken, Wirklichkeiten, Parallelexistenzen. Das geschichtliche Nacheinander von Ereignissen wird abgelöst von einem Neben- und Übereinander von Zeitschnitten im Bild. Freie materielle Versatzstücke werden ironisch herangetragen an den immergleichen Ort. Dort wird - bezieht man die offizielle Seite mit ein - wohl bald ein älterer exquisiter Kadaver belebt werden: Teile des Berliner Stadtschlosses. An der ursprünglichen Stelle mitten im alten mittelalterlichen Berlin. Eigentlich ein Ort des Volkes. Nach Bachtin demnach ein Karnevalsplatz. Ebenen, Freistellungen, Maskierungen. Die digital bearbeiteten Bildsegmente werden zu einem visuellen Palimpsest geschichtet. Symbole, Schriften, Architekturen und graphische Elemente gehen Bedeutungs-Mesalliancen ein. Was dem surrealistischen Cadavre Exquis der papierne Knick, ist dem "Postmortalen Aufbrezeln" das freche räumliche Hintereinander von Bild-, Zeit-, und Sinnebenen. Aus der klassischen zweidimensionalen Bildfläche wird ein 3-lagiges Objekt unter bruchfestem Glas. Jedes Bild-Objekt zeigt dabei einen temporären Kosmos, in dem alles mit jedem in Beziehung gesetzt werden kann. Es stellt eine provokante Gegenwelt zur offiziellen Wirklichkeit vor. Der Ort wird einem fröhlichen Entwurfs-Popanz unterzogen.

Die Bilder haben utopischen Charakter. Im Neben-, Über- und Hintereinander der Schnitte wird die Ruine des Palastes zum tragenden Gerüst. Verkehrte Welt! Gardinen hängen außen, ein Meer umspült einen Platz, unter dessen Kopfsteinpflaster alles andere als ein Strand liegt. Die Unbestimmtheit des Ortes wird im multiplen Entwerfen und Entwerten sinnfällig. Sie ist zugleich eine Form der Zeitlosigkeit. Erst durch Festlegen auf einen einzigen Entwurf findet der Ort zurück auf die Achse der Zeit. So wird er geschichtlich, auch wenn die Polyphonie der lokalen Erzählung verflacht.

Die Serie erzählt von einem Standpunkt der Zwischenzeit aus - im doppelten Sinne: perspektivisch und inhaltlich. Eine Abriss-Ruine, die als solche so nicht mehr existiert, soll von einem Neubau abgelöst werden, dessen Vorlage selbst schon lange vergangen ist. Derzeit beschreibt eine Brache den Ort, auf dem einmal gebaut werden soll. Historische Ausgrabungen finden statt. Auch diese Brache hat ihre Zwischenzeit. Was, wenn man sie für dauerhaft erklärte? Wenn man sie in einen Fundus der öffentlichen Begegnung verwandelte? In einen vielstimmigen Platz jenseits von Geschichte? Zu einer Utopie?

[TEXT ZUR GLEICHNAMIGEN BILDERSERIE / 2009]