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SABINE WILD / FASSADENRAUSCH IM BLÄTTERWALD

In den letzten Jahren sind zunehmend grüne urbane Zukunftsvisionen aufgekommen. Neben dem Menetekel der grenzenlos wuchernden Megacity hat die Rede von der Stadt als neu zu entdeckender und aktiv zu belebender Naturraum an Bedeutung stark zugenommen.

Die Stadt-Wald-Collagen von Sabine Wild thematisieren diesen Zusammenhang von Stadt und Natur auf ästhetische Weise. In der für die Künstlerin signifikanten Bildsprache prallen sowohl digitale, als auch rein fotografische Elemente kontrastreich aufeinander. Im Gegensatz zu ihren sonstigen großformatigen Metropolenbildern, die von dynamischen Unschärferastern bestimmt sind, die die Flüchtigkeit des urbanen Alltagslebens effektvoll ins Bild setzen und ästhetisch reflektieren, gehen Stadt und Wald hier eine vollkommen neuartige Mesalliance der Formen und menschlichen Bezüge ein.

Wald und Stadtraum werden eins, sie durchdringen und überlagern sich, sind nicht klar voneinander getrennt. Man kann nicht sagen, wer wen zuerst erobert hat: Das wuchernde Grün den silbergrauen Beton? Oder die geometrische Strenge von Fassaden den Blätterrhythmus des Natürlichen? Es herrscht ein formales Gleichgewicht zwischen natürlichen und architektonischen Elementen. Beide stehen gleichberechtigt im Raum, bilden eine neue Ebene der synthetischen Wahrnehmung.

Die architektonischen Bildelemente hat die Berliner Künstlerin in Hongkong gefunden. Die Waldansichten stammen wiederum aus unterschiedlichen Metropolen, unter anderem aus Hongkong, Berlin und New York. Entscheidend ist und bleibt die gemeinsame Vision, die durch die digitale Collage entsteht, das Maß der phantastischen Vorstellung, welche kurz davor ist, ins Reale zu kippen und die Wirklichkeit um einen noch unerfüllten Traum zu erweitern.

Man denke an die berühmte vom Urwald verschlungene Dampflokomotive des Surrealismus zurück oder an die Rede vom Großstadtdschungel und dem Dickicht der Städte. Sabine Wilds Collagen fallen zwar nicht unbedingt in den Bereich einer symbolischen Überwucherung der rationalen Vernunft durch das Unbewusste. Doch zeigen sie sehr wohl einen Grenzbereich der Wahrnehmung auf und verführen den Betrachter dazu, sich in einen unbeschriebenen Zustand der urbanen Erfahrung zu versetzen. Ein Zustand mithin, der sich emanzipiert von rein zweckbestimmten hin zu neuen wahrnehmungstechnischen Prämissen.

[ART-TEXT ZUR BILDERSERIE / 2012]