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BIBLIOGRAPHIE
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WHO ARE U? / GRUPPENAUSSTELLUNG

In Zeiten grassierender medialer Selbstwahrnehmung (Selbstdarstellung) kann einen die direkte neugierige Frage: "Wer bist du?" schon mal aufschrecken. Wird die Frage dann noch von einer Fotokamera gestellt, geht es nicht nur dem beobachteten oder befragten Objekt ans Mark der Subjektivität. Auch der neutrale Betrachter wird dabei in ein rauschhaftes Spiel der Identitäten und Blicke gezogen. Ihm bleibt gar keine andere Wahl, als sich sein eigenes Bild vom Bild des anderen zu machen. Vier spielerisch leichte und unverkrampfte Bildserien von insgesamt drei Berliner Künstlern bringen dieses Spiel der visuellen Identitäten zur Anschauung. Dabei offenbart jede Serie einen ganz eigenen fotografischen Ansatz.

IRINA TÜBBECKE wählt für ihre Serie Beside me einen durchaus heiklen Ort der Beobachtung. Ihre Arbeiten, die als Zufallsaufnahmen in noblen öffentlichen Toiletten entstehen, profitieren gleich zweifach von der baulichen Form der leichten und selten bis zum Boden reichenden Kabinenwand. Die Anonymität des Beobachteten bleibt in den Bildern gewahrt, dennoch erfasst die auf dem Boden gestellte und seitwärts ausspähende Kamera eine Vielzahl persönlicher Merkmale, die sich ausdeuten lassen. So werden in den seriellen und narrativen Aufnahmen vor allem Schuhe und Fußhaltungen zum Signum der individuellen Persönlichkeit.

MARION HASTEDT tritt ihren Modellen ganz offen mit der Kamera vor Augen. In der Serie Schwestern kombiniert sie jeweils zwei von drei Geschwistern in wechselnder Konfiguration zu einem Schwindel erregenden Familien-Triptychon. Durch bewusste stilistische Reduktion gerät der Betrachter in ein verblüffendes Vexierspiel geschwisterlicher Paarbildungen. In der Serie Schwanger wird dieses kreiselnde Vexierspiel der Ähnlichkeiten auf die Ebenen des Vorder- und Hintergrundes verlegt. Der bemalte und herrlich gewölbte Bauch einer Schwangeren verschmilzt schrittweise mit dem Muster einer Wand im Hintergrund. Im letzten Bild dient er schließlich als weiche Anschmiegfläche für das Neugeborene.

VIKTOR KATAEVS Bilder der Serie Felix begleiten und beschreiben in poetischen Augenblicksaufnahmen das Leben eines befreundeten Pokerspielers. Hier ist es die Kamera, die so unsichtbar wie möglich zu agieren versucht. Sie erhofft sich ein möglichst ungestelltes Ausdrucksbild des Porträtierten. Gleichzeitig setzt der Fotograf stilistische Gestaltungsmittel ein. Die Bilder offenbaren ein ausgeprägtes Formbewusstsein auf beiden Seiten. Die Komposition und Farbgebung bestimmt wesentlich über das Bild des Porträtierten, der sich wiederum selbst hinter Posen verstecken kann. So finden in Victor Kataevs Arbeiten im Grunde die beiden divergenten fotografischen Haltungen von Irina Tübbecke und Marion Hastedt zu einer gemischten Beobachtungs- und Ausdrucksform zusammen.

TEXT ZUR GRUPPENAUSTELLUNG / 2012]