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SABINE WILD / WALDFLUCHTEN

2007 reüssierte Sabine Wild mit einer originären Bildsprache auf dem internationalen Kunstmarkt. Die Serie "Vertikale" zeigte farblich rhythmische Naturbilder, deren ästhetisch-digitale Stilisierung zu einer visuell flirrenden Anmutung der Bildmotive führte. Ein bemooster Laubwald zitterte in gedämpften Farben, als sei er durch ein Tränen gefülltes Kameraobjektiv fotografiert. In einem anderen Bild verloren sich herbstliche Farbtöne in der Gleiße weißen Gegenlichts. Der fotografische Referent als solcher, der Wald, ging nahezu über in eine abstrakte Farb- und Formstimmung.

Den Wald und die Natur hat Sabine Wild nie verlassen, auch wenn sie sich über die Jahre intensiv der Architektur- und Metropolenbilder zugewendet hat. Ihren Bildstil hat sie fort entwickelt. Bei aller wieder erkennbaren Signifikanz ist er stets eine formale Interpretation des jeweiligen Themas. Betrachtet man die Motive ihrer neuen Waldbilder, fällt insbesondere die souveräne Beherrschung des Bildraums auf. Der Wald wird tiefenräumlich komplexer dargestellt als 2007. Die Betonung der Vertikale ist erweitert um eine dramaturgisch geöffnete Sicht in die Bildtiefe. Wir werden förmlich in den Wald hineingezogen. Die Komposition des Bildes stellt Fluchten bereit, über die wir ins Innere einer jahreszeitlichen Naturstimmung gelangen. Diese frappiert umso mehr, als dass sie auf einer äußerst durchgestalteten Formgebung basiert.

Zugleich werden wir gebannt. In den Wald mit seinen märchenhaften Konnotationen bricht ein sonderbares Licht ein, das als milchiger Nebel aus der Tiefe heraufzieht und mit den Färbungen des Laubes verschmilzt. Dieses opake Licht will uns möglicherweise aus der Tiefe des Bildes wieder herausdrängen. Oder es umschließt uns, weil wir unter den Bäumen trotzig verharren und unseren Platz partout nicht verlassen möchten. Dieses Licht kann bis zur massigen Fülle gerinnen und jegliche Gegenständlichkeit pastös überdecken. Um ein solches Bild zu durchdringen und in die Tiefe zu gelangen, müssen wir das Motiv förmlich durchstarren.

So erleben wir in den neuen Waldbildern einen impressionistischen Gestus, der weit über die sonstigen Merkmale des bekannten Bildstils von Sabine Wild hinausreicht und sich ganz bewusst einer kunstvollen Materialisierung des besonderen Lichts im Wald zuwendet. Seine Wirkung ist entscheidend abhängig davon, welche gestalterische und dramaturgische Komposition der Szene zu Grunde liegt. Im Rhythmus von Lichtflächen und Aststrukturen, Stämmen und Blicktiefen variiert der Grad der formalen Abstraktion, von der wiederum die Form und sinnliche Tiefe der Naturwahrnehmung abhängt.

ART-TEXT FÜR KALENDER / 2012]