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SABINE WILD / SCHLOSS WACKERBARTH

Experten erkennen den Unterschied zwischen einem Pablo Picasso und einem Georges Braque aus der Frühzeit des Kubismus noch recht schnell. Für einen Laien sind sie kaum mehr zu unterscheiden. Ähnlich verhält es sich bei der Bestimmung von Güte und Qualität eines Qualitätsweines. Mögen Farbe und Jahrgang noch Hinweise geben auf den ungefähren Charakter, so versagen dem Non-Connaisseur schnell die spezifischen Mittel zur tieferen Geschmacksbestimmung. Zum Glück kann am Ende jeder für sich selbst entscheiden, ob einem der Wein schmeckt oder nicht. Und so ist es auch in der Kunst!

Die Berliner Künstlerin Sabine Wild hat über die Jahre einen äußerst signifikanten Bildstil entwickelt und in der Gegenwartskunst etabliert. Man könnte ihm durchaus ein eigenes Gütesiegel verleihen wie einem bestimmten Qualitätswein. Von anfänglich in der Vertikalstruktur betonten Naturmotiven, die die international gefragte Künstlerin mit ihren vibrierenden Bildtexturen überzog, dominieren mittlerweile überwiegend architektonische und urbane Sujets das Portfolio ihrer großformatigen Arbeiten. In den drei Bildern vom Weingut Schloss Wackerbarth lässt sie nun beide Motivlinien: Natur und Architektur - in spannungsreicher Weise aufeinander treffen.

Absichtsvoll erfasst Sabine Wild das moderne Produktionsgebäude von Schloss Wackerbarth getrennt vom barocken Schlosskomplex und gestaltet es stilistisch derart, dass es deutlich an Mies van der Rohes berühmte Neue Nationalgalerie in Berlin erinnert. Diese explizite Betonung der Moderne unterstreicht dabei nur die hauseigene Tradition des renommierten sächsischen Weingutes. Beide sind ästhetisch und konzeptionell aufeinander bezogen. Insbesondere in den nahezu monochrom austarierten und raumgreifenden Bildern des Schlosses mit dem formschönen Belvedere und den geschwungenen Weinbergen im Hintergrund kommt dieser konzeptionelle Bezug zwischen Moderne und Tradition zum Austrag.

Zudem treffen in den Bildern Natur und historische Baukunst auf erstaunlich gewagte Weise aufeinander. Man weiß im Grunde nicht, welchem Sinnesreiz man den Vorzug geben soll? Dem des irisierenden weißlichen Glanzes, in dem das Schloss so märchenhaft liegt. Oder doch lieber dem der gewagten Reduktion auf zwei kontrastreiche Farben, deren flächige, monochrome Ausführung in weißgrüner Frische wie Schaumwein selbst im Auge des Betrachters zu prickeln und die feinen Geschmackspupillen anzuregen beginnt.

Sabine Wilds signifikanter Bildstil wirkt auch hier wie ein edler Tropfen, er geht sofort ins Blut. Ob er im Abgang kurz ist oder lang, ob er von Tiefe und nachhaltigem Charakter zeugt, ob er überhaupt in seiner Exklusivität und Güte den persönlichen Geschmack eines jeden trifft oder schlechterdings am Tage darauf noch Kopfschmerzen bereitet, das hängt nicht nur von den eingesetzten künstlerischen Mitteln und der Reife des Blickes ab, sondern ebenso gut von den Geschmacksnerven einer je offenen und individuellen Betrachtungsweise. Experten sehen zwar in der Regel mehr als Laien. Aber den Unterschied macht am Ende allein der Genuss.

[GALERIETEXT ZU 3 MOTIVEN / 2013]