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CHRISTINA MAROTZKE / PUNKTLANDUNG


Stoff- und Farbenaeronautik im Kontext künstlerischer Anverwandlung von ausrangierten Gleitschirmen

Für den einen ist es der Augenblick, in dem sich der Seidenflügel mit Luft füllt und den Piloten sanft vom Boden hebt - das Gefühl des Abhebens und Emporschwebens, getragen allein von einem dünnen Stoff und der Kraft warmer Aufwinde. Für den anderen ist es der Moment, in dem die farbenprächtigen Schirme auf der grünen Bergwiese ausgebreitet liegen, noch vor jedem Start, sorgsam geordnet, wie riesige im Sonnenlicht zum Aufwärmen ausgerollte Tücher.

Ein Spiel des Lichts und der Farben, der Flächen und Formen, der Natur und der künstlichen Materialien. Und dann wölbt sich mit einem Mal einer dieser bunten Schirme, ein wellenförmiger Strom Luft durchfährt ihn, als würde eine riesige Bettdecke von unsichtbarer Hand aufgeschüttelt werden. Der Zuschauer spürt die Zauberkraft des Materials, sein enormes Volumen, die prallen Farben und die Fähigkeit, einen Menschen durch die Luft zu tragen. Eingehängt in das filigrane Geflecht der Schnüre hebt der Pilot mit dem Paraglider ab und fliegt vom Berg aus in die Weite des Himmels.

Für die Berliner Künstlerin Christina Marotzke war solch ein aufwallender Gleitschirm ein Initialbild. Sie war augenblicklich eingenommen von der Schönheit des luftigen Materials. Assoziationen stiegen in ihr auf: Wie schwer mag der Stoff sein? Wie fühlt er sich an? Woher gewinnt er sein Volumen? Kann man ihn für Collagen verwenden? Ihre Leidenschaft für neue Form- und Materialspiele war geweckt: ein neues unbekanntes Material, dessen Eigenheiten und verborgenen Kräfte sie zu entdecken und zu untersuchen gedachte. Den geplanten Tandemflug mit dem professionellen Gleitschirmpiloten verschob sie auf einen späteren Zeitpunkt.

Faszinierte sie der Anblick der abhebenden und schwebenden Gleitschirme bereits nachhaltig, so staunte die Künstlerin umso mehr, als sie kurze Zeit später in ihrem Berliner Atelier ein großes Paket in Empfang nahm. Der befreundete Pilot aus Bayern hatte ihr einen gebrauchten, ausrangierten Gleitschirm zur freien künstlerischen Verfügung gestellt. Ein Geschenk des Himmels. Doch das winzige Berliner Atelier war keine Almwiese. Der Schirm mit den vielen verknoteten Schnüren nahm es augenblicklich in Beschlag. Er plusterte sich auf, knisterte, wenn er angefasst wurde, und lag eigentümlich widerspenstig und voluminös mit seinen vielen in sich verdrehten Schnüren im Raum. Je mehr die Künstlerin ihn wendete und betastete, desto geheimnisvoller erschien er ihr.

In die Mitte des Raumes gezogen, glich er einem üppigen, zerknautschtem Stoffbett, das in seiner knisternden Polyesterhaftigkeit weniger heimelig, als irritierend wirkte. Und doch lud diese luftige Stoffmasse auf eigenwillige Weise zum Hineinspringen und sich Hineinfallenlassen ein. Ein verbrachtes Objekt der Lüfte, das sogleich Präsenz annahm in dem kleinen Raum und eine enorme Stimmung erzeugte. Verschiedene Atelierbesucher, die ihn in im Raum aufquellen sahen, hielten ihn für ein Ready-Made.

Welche Assoziationen immer aufsteigen von einem aus der Luft verbannten und in einen neuen Kontext verbrachten Gleitschirm, eine von ihnen war die einer missglückten Landung. Als sei jemand im Atelier notgelandet und hätte sich rasch von Schirm und Schnüren befreit, um sich still und heimlich davon zu schleichen. Der Schirm glich einer dadaistischen Punktlandung mitten ins Zentrum der Wahrnehmung. Er verlockte zu einer Reflexion über das Verhältnis von Innen- und Außenraum, von Kunst und Natur, von Farbe und Form, Funktion und Inhalt. In ihm verbargen sich etliche synthetische Denkbilder.

Gleichzeitig ging etwas materiell Ungestümes von ihm aus, das es zu bändigen galt. Der Schirm, seine Materialität reizte dazu, in neue Form und Gestalt gebracht zu werden. Betrachtete man das Material näher, fielen einige Details auf: Eine eigentümliche Oberflächenbeschaffenheit, unterschiedliche Nähte und Strukturfäden, eine diffuse Lichtdurchlässigkeit, eine sehr hohe Reißfestigkeit sowie die eigenwillige Farbigkeit der Stoffbahnen und Schnüre. In diesem Augenblick begann die Künstlerin, ihr ursprüngliches Bild vom aufwallenden und sich mit Luft füllenden Gleitschirm auf die stoffliche Ästhetik des Materials zu übertragen. Sie begab sich auf die Suche nach verborgenen Darstellungseigenschaften des Materials, um neue originäre Objekte aus dem Schirm zu generieren: die so genannten Paraobjekte.

Christina Marotzke ist eine leidenschaftliche Materialverwandlerin. Bereits ihre feintonigen, aufwendigen und mehrschichtigen Graphitarbeiten auf Holz zeugen von einer rauschhaften Sinnlichkeit der Oberfläche. Wie eine moderne Alchemistin lässt sie an Dingen und Objekten eine Aura aufscheinen, die dem Ursprungsmaterial von Natur aus gar nicht eigentümlich ist. Sie verwandelt Holz in Metall und Gummi in Stein. Ihre Objekte setzen sich spannungsreich in Bezug zur ursprünglichen Materialität und bleiben der Zeit unterworfen, sie altern auf unvorhergesehene Weise.

Schon das erste Paraobjekt, das sie gestaltete, erzeugte eine ungewöhnliche Spannung. In einen kleinen quadratischen Rahmen brachte sie ein eng gewickeltes und farblich sorgsam gefaltetes Paket Stoff ein. Das Thema der Faltung und Schichtung war aufgerufen und sinnfällig komprimiert, nicht ohne graphisch und formspielerisch verwandelt worden zu sein. Diese ersten konkreten Arbeiten spielten mit der Größe der Schirme, die zu einem kleinen Seidenstoffpäckchen verdichtet waren. Sie verwiesen auf die technischen und aeronautischen Voraussetzungen, die dieser Form des unmotorisierten Fliegens zugrunde liegen. Sie waren ein provokanter Kommentar auf das luftige und farbenprächtige Dahinschweben am Himmel. Sie erinnerten an geschmolzene, vom Himmel gestürzte Mythologien. Man konnte ihnen nicht absprechen, der Ikarus-Sonne zu nahe gekommen zu sein. Auf der anderen Seite implizierten sie, fein säuberlich auseinandergefaltet die gesamte Grundfläche des Raumes einnehmen zu können.

Von den gerahmten und komprimierten Seidenpäckchen ausgehend, näherte sich die Künstlerin dem Thema in weiteren formenreichen Farbspielen. Über etliche abstrakte Farbcollagen kam sie der handwerklich komplexen Stofflichkeit des Materials immer näher. Um die alten Schirme im übertragenen Sinne neu "fliegen" zu lassen, musste sie die stoffliche Natur des Materials beherrschen lernen. Wann reißt es? Wie lässt es sich knicken, kleben, nähen oder schneiden? Wann saugt es sich mit Luft voll? In welchen Situationen fällt es einfach in sich zusammen?

Es entstanden weitere kleinformatige Paraobjekte, die das Thema der Faltung, Wickelung und Schichtung variierten. Überzeugend wirkten sie stets dann, wenn die Materialität der Flugseide und das Grundmotiv des Schirms - seine Luftigkeit und tragende Funktion -ästhetisch gekontert wurde. Beispielsweise durch extreme Verklebungen oder üppige Schichtungen von geometrisch zugeschnittenen Stoffbahnen. Bewusst lenkte die Künstlerin die Wahrnehmung auf die vorgegebenen, manchmal schmerzhaften Farben der Schirme und kreierte daraus dezidiert abstrakt-geometrische Formspiele.

All diese Arbeiten brachten jedoch nicht den ersehnten Volumeneffekt, der der Künstlerin von der Ursprungsszene am Berg so erinnerlich war, die ungewöhnliche Luftigkeit und das formenreiche Aufsteigen der farbenprächtigen Gleitschirme. So wagte sie sich schließlich an großformatige Projekte mit bis zu zwei Quadratmetern Grundfläche, auf denen sie das Spiel der Formen, Farben und Strukturen neu aufrief und ästhetisch intensivierte. Konsequent nutzte sie vorgegebene Eigenschaften des Ausgangsmaterials aus. Schirmteile mit eingenähten Verstärkungsrippen verwandelte sie zu einem voluminösen Geflecht aus rokokoähnlichen Rüschen. Imposant und hoch an der Wand hängend, glich dieses großformatige Paraobjekt einem prallen Federbett der Pop Art. Ein weiteres großformatiges Objekt wirkte mit seinen spitzen Stirnsträhnen und den lang hinab fallenden, bunt gestuften Stoffbahnen wie eine überdimensional große Glamrock-Frisur aus den 70er Jahren.

Diese großformatigen Paraobjekte stellen eine neue Stufe im bisherigen Werkprozess dar. Sie jedoch auf eine einzige Assoziation zu reduzieren, hieße ihnen ihre visuelle und metaphorische Vielgestaltigkeit abzusprechen. Sie erzeugen eine ungewöhnliche Präsenz im Raum und verwandeln sich je nach Blickwinkel in etwas Neues. Es sind Objekte, die sich eines Materials bedienen, dessen technische Eigenschaften insbesondere für diejenigen, die sich ihnen beim Fliegen anvertrauen, eine ganz andere Bedeutung besitzen als für denjenigen, der sich ihnen ästhetisch nähert. Und doch ist es gerade diese Spannung zwischen dem Ursprünglichen dieser (namhaften, durchaus legendären und jedem Insider bekannten) Flugschirme und den daraus entstehenden Paraobjekten, die das Thema ästhetisch forciert und in ein ungewöhnliches Kunstabenteuer verwandelt, in eine aufregende und frei vor sich hinschwebende Stoff-, Farben- und Gestaltenaeronautik im Kontext künstlerischer Anverwandlung. Die ehemaligen Helden der Lüfte erfahren auf diese Weise eine sehr frische, ungewöhnliche und formen- und farbenreiche Revitalisierung.

[WERKDOKUMENTATION / 2012]